BME: Lieferketten vor Protektionismus schützen

10. November 2017 · Beschaffungsprozess, Kongresse, Länder, Märkte, Unternehmen ·  

„Offenheit der Märkte statt Abschottung war das Mantra der vergangenen Jahre. Wir alle haben vom grenzüberschreitenden weltweiten Handel und den rasanten technischen Entwicklungen, wie sie mit dem Internet möglich geworden sind, profitiert. Doch nun geraten die globale Zusammenarbeit und Vernetzung in Gefahr durch einen Bruch mit den bisherigen Gewissheiten der Wirtschaftspolitik“, sagte Dr. Silvius Grobosch, Mitglied des geschäfts-führenden Bundesvorstandes des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) auf der Pressekonferenz des 52. BME-Symposiums Einkauf und Logistik in Berlin.

Die Folgen seien verheerend. So drohten über viele Jahre erfolgreich etablierte Lieferketten zu reißen. Damit gingen Planungssicherheit und Vertrauen der Wertschöpfungstreiber verloren. Eines sei deshalb gewiss: „Der Preis, den wir für eine durch Protektionismus und Populismus geprägte Wirtschaftspolitik werden zahlen müssen, ist hoch. Die riesigen Chancen der globalen Vernetzung von Menschen und Dingen können nur als Werk von vielen ausgeschöpft werden“, betonte Grobosch. Auch deshalb habe der BME seinen diesjährigen Fachkongress unter das Motto „Mehrwert: Globale Netzwerke“ gestellt. Es gehe darum, die Supply Chains vor jeglichem Protektionismus und Populismus zu schützen, fügte Grobosch hinzu.

Grenzen dürften nicht aufgebaut, sondern müssten vielmehr weiter abgebaut werden. Die Logik der Vernetzung laute: Gemeinsam sind wir stärker als jeder für sich allein. Nach dieser Logik sollten Einkaufs- und Supply-Chain-Verantwortliche ihre Strategien neu austarieren. Es gehe für sie darum, Wertbeiträge in ihren Lieferketten zu finden und diese systematisch zu heben. Dafür müssten sich Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager personell, organisatorisch und informationstechnisch richtig aufstellen. Das 52. Symposium biete ihnen die Plattform zum intensiven Meinungs- und Erfahrungsaustausch mit ihren Peer Groups. Jeder der knapp 2.000 Besucher sollte an den drei Veranstaltungstagen die Gelegenheit nutzen, mit Teilnehmern aus allen Branchen zu diskutieren. Den es gehe um die zentrale Frage, wie sich die Einkaufs- und Supply-Chain-Organisation der Unternehmen zukunftsfähig aufstellen und die Potenziale der Digitalisierung voll ausnutzen lassen. Grobosch: „Unsere Referenten zeigen Ihnen, wie sie ihr Supply Chain Management gestalten, Risiken minimieren und durch Kollaborationen, Innovationen und standardisierte Prozesse Kosten senken.“

Der Verlauf dieses Jahres habe deutlich gezeigt, dass die internationale Wirtschaftsent-wicklung weiter uneinheitlich verläuft, die Märkte unberechenbar stark schwanken und die globalen Krisenherde zunehmen. Insbesondere die Europäische Union bleibe ein Sorgenkind. Populistische Parteien mit nationalistischer Orientierung sind in vielen Ländern der EU auf dem Vormarsch. Die jüngsten Bundestagswahlen haben gezeigt, dass auch Deutschland davor nicht gefeit ist. Dies alles sorgt für Unruhe – nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in allen anderen Teilen der Gesellschaft. Nicht absehbar sind zudem die möglichen negativen Auswirkungen des Brexit für die deutsche und europäische Wirtschaft. Auch darüber wird auf dem diesjährigen BME-Symposium in Plenen, Podiumsdiskussionen und Fachkonferenzen zu reden sein.

Vor diesem Hintergrund stellte Grobosch die aktuellen Rahmenbedingungen sowie die neusten Trends im Einkauf näher vor:

Deutsche Wirtschaft nähert sich der Hochkonjunktur
Deutschlands Konjunktur-Experten sehen die einheimische Wirtschaft auch zu Beginn des 4. Quartals 2017 in bester Verfassung. So habe der Aufschwung an Stärke und Breite gewonnen. Neben den Konsumausgaben trügen nun auch das Auslandsgeschäft und die Investitionen zur Expansion bei. Aber: Die deutsche Wirtschaft steigere ihre Leistung schneller, als ihr guttut. Die konjunkturelle Dynamik nehme zu und mit ihr die Gefahr einer deutlichen Überhitzung mit entsprechendem Rückschlagpotenzial. Danach liege die Kapazitätsauslastung bereits merklich über dem Normalniveau, und die Zunahme der deutschen Wirtschaftsleistung weiche von einem nachhaltigen Wachstumspfad immer mehr nach oben ab.

Ebenfalls bemerkenswert ist im Herbst 2017, wie hochtourig und rund der deutsche Industrie-Motor läuft. Laut IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) ist das Verarbeitende Gewerbe im September so kräftig gewachsen wie seit über sechs Jahren nicht mehr. Der EMI verbesserte sich im Berichtsmonat gegenüber August um 1,3 Punkte und erreichte mit 60,6 den höchsten Wert seit April 2011. Produktion und Beschäftigung legten sogar noch stärker zu als im August. Rekordverdächtig lange Lieferzeiten deuten jedoch auf erhebliche Lieferschwierigkeiten hin, und der Anstieg der Einkaufspreise hat sich ebenfalls erheblich beschleunigt.

Globale Risiken fordern den Einkauf weiter heraus
Deutsche Außenhandelsbetriebe und Einkäufer, die in globalen Beschaffungsmärkten agieren, werden es mit Sorge vernehmen: Der Global Risks Report 2017 des Weltwirtschaftsforums sieht als Risiken mit der höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit extreme Wettereignisse, große unfreiwillige Migrationsströme, Naturkatastrophen, terroristische Anschläge sowie massive Auswirkungen von Cyberattacken und Datendiebstahl. Gefahren für die internationalen Lieferketten gehen zudem von der wachsenden globalen Einkommensungleichheit und gesellschaftlichen Polarisierung aus. Unternehmen müssten – wie bereits in den vergangenen Jahren – mit Projektabsagen, Lizenzentzug, Produktions-unterbrechungen, Schäden an Betriebsvermögen und Einschränkungen beim grenzüber-schreitenden Geldverkehr rechnen.

Straffung der Beschaffungsorganisation bleibt das A und O für den Einkauf
Um vor allem international wettbewerbsfähig zu bleiben, bemühen sich die deutschen Unternehmen seit Jahren um die Straffung ihrer Beschaffungsorganisation. Während vor allem Konzerne hierbei schon sehr gut aufgestellt sind, hat der eine oder andere Mittelständler noch Nachholbedarf. Defizite gibt es unter anderem in folgenden Bereichen:

• fehlende Datentransparenz in den Hauptwarengruppen
• grundsätzliche Compliance-Regelungen sind zwar eingeführt, jedoch ohne spezifische Vorgaben für die Beschaffung
• operative Beschaffungsaktivitäten werden nur in Teilen von der IT unterstützt
• Maverick Buying: Ein Großteil indirekter Materialien wird häufig noch – ohne Einbeziehung des Einkaufs – von den Fachabteilungen beschafft.

Risiken in der Lieferkette frühzeitig erkennen und minimieren
Komplexe, globale Liefernetzwerke bergen eine Vielfalt von unbekannten und neuen Gefährdungspotenzialen. Das wurde auch 2017 wieder deutlich. Eine aktuelle Umfrage des BME ergab, dass zwei Drittel der Unternehmen im vergangenen Jahr bis zu 20 Lieferkettenunterbrechungen hatten, aber 80 Prozent halten keine oder nur teilweise Maßnahmenpläne für die wichtigsten Gefährdungen vor. Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager haben die Aufgabe, ihr Unternehmen vor Schäden zu bewahren sowie Risiken frühzeitig zu erkennen und zu minimieren. Risikomanagement zur Gefahrenabwehr ist allerdings keine Hausaufgabe, die man heute aufbekommt und morgen erfüllt hat. Es muss von den Unternehmen insbesondere vor dem Hintergrund der voranschreitenden Globalisierung und Digitalisierung der Wirtschaft als permanente Herausforderung begriffen werden. Risiken lassen sich auch durch eine noch so perfekte Planung nicht eliminieren. Es geht vielmehr darum, wie die Firmen damit umgehen. Diese lediglich zu meiden oder sie schlichtweg zu ignorieren, sind keine empfehlenswerten Optionen.

Beim Risikomanagement wird ein Paradox sichtbar: Je effizienter die modernen Lieferketten, desto größer der Grad ihrer Verwundbarkeit, weil die Welt und die Systeme immer enger vernetzt sind. Mit den neuen Möglichkeiten entstehen auch neue Gefahren. Damit müssen Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager leben. Für eine vorausschauende und nachhaltige Risikovorsorge braucht es Frühwarnsysteme in der Beschaffung, die in ein Risiko-Modell eingebettet sein müssen, mit dessen Hilfe Unternehmen die „potenziellen Brandherde“ schnell identifizieren und bewerten sowie steuern und kontrollieren können.

Industrie 4.0: Einkauf wird zum digital vernetzten Wertschöpfungstreiber
Die Digitalisierung der Wirtschaft ist auf dem Vormarsch – national wie international. Einer starken Beziehung zwischen Einkauf und Lieferanten kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Ohne die enge Verflechtung beider Partner liegen Wertschöpfungspotenziale brach. Nach wie vor gilt: Der digitale Strukturwandel der Industrie wird ohne den Einkauf nicht erfolgreich sein. Er durchläuft einen Transformationsprozess und entwickelt sich zu einem digital vernetzten Wertschöpfungstreiber. Dabei verbindet sich der Einkauf sowohl mit vertikalen als auch horizontalen Wertschöpfungstreibern. So trägt das Procurement unmittelbar zur Steigerung von Wachstum und Profitabilität seines Unternehmens bei. Wichtig: Der Einkauf sollte die Vorteile einer bereichsübergreifenden Integration und Nutzung cloud-basierter IT-Lösungen unter Einsatz von Big Data und selbstlernenden Algorithmen noch stärker nutzen. Damit lassen sich verschiedene Partner und Systeme intelligent und flexibel miteinander verbinden. Gelingt es dem Einkauf, unter seiner zentralen Führung ein Wertschöpfungsnetzwerk zu implementieren, wird er zum Enabler zukunftsweisender Innovations-, Technologie- und Qualitätsentwicklungen.

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