Indien: Exporte von IT-Services und Software wachsen
Wenn der Kartenverkauf für die nächste Fußball-WM optimal läuft, dann hat die FIFA bei Satyam Computer Services aus Hyderabad in Indien gut eingekauft. Satyam entwickelt für mehrere Millionen Dollar ein Event-Managementsystem und baut in den kommenden zwölf Monaten ein Extranet und Intranet für den Weltfußballverband auf. Ob Software-Support, Internet-Programmierung oder Finanz- und Rechnungswesen: Unternehmen in Indien sind spezialisiert darauf, IT-unterstützte Services für ausländische Kunden zu liefern oder ganze Geschäftsprozesse zu übernehmen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um einfache Tätigkeiten wie Dateneingabe, Softwarepflege oder Call-Center. Immer häufiger werden auch Forschungs- und Entwicklungsarbeiten und andere höherwertige Geschäftsprozesse aus Unternehmen ausgelagert und zugekauft. Die Umsätze mit Software und Services in Indien werden nach der Schätzung des Fachverbandes Nasscom (National Association of Software and Services Company) im Geschäftsjahr 2007-2008 erstmals die Marke von 50 Milliarden US-Dollar erreichen. Das Geschäftsvolumen im Jahr 2006-2007 lag bei 39,6 Milliarden Dollar, das sind 30,7 Prozent mehr als im Vorjahr. 31,4 Milliarden wurden über Exporte erwirtschaftet (plus 33 Prozent), lediglich 8,2 Milliarden entfielen auf Umsätze im Inland. Für das kommende Jahr prognostiziert die Nasscom ein weiteres Wachstum von 24 bis 27 Prozent.
Exporte für die USA
Mit Abstand der größte Abnehmer für indische Softwaredienstleistungen ist die USA. Vor zwei Jahren gingen 68 Prozent der Exporte in die Vereinigten Staaten. An zweiter Stelle steht Großbritannien mit 15 Prozent an den gesamten Exportumsätzen in diesem Segment. Die größten Unternehmen, die in Indien IT-unterstützte Dienstleistungen und Software anbieten und vor allem exportieren sind Tata Consultancy Services (TCS), Infosys Technologies und Wipro Technologies. In Indien sind 1,6 Millionen Menschen direkt im Bereich Software und IT-unterstützte Dienstleistungen beschäftigt. Die Zahl der Jobs in Indien, die direkt und indirekt von Software und ITunterstützten Dienstleistungen abhängen, liegt bei 7,5 Millionen. Kiran Karnik, Präsident des Fachverbandes Nasscom, sagt voraus, dass diese Zahl bis zum Jahr 2010 auf mehr als zehn Millionen steigen wird. Bei den 20 größten Arbeitgebern in diesem Segment sind 500.000 Menschen beschäftigt. Auf der Rangliste fehlen einige bekannte Namen wie Accenture und IBM, da diese multinationalen Unternehmen ihre Firmenzentrale nicht in Indien haben und sie sich an der jährlichen Datenerhebung der indischen Nasscom nicht beteiligen. IBM war im Jahr 2006 mit 53.000 Mitarbeitern in Bangalore, Delhi und Chennai präsent. Bei weltweit 369.277 IBM-Mitarbeitern ist das bereits ein Anteil von 14 Prozent. Viele große IT-Namen haben ein kräftiges Standbein in Indien aufgebaut. Bereits 15 Prozent aller SAPMitarbeiter sind in Indien tätig.
Sechs IT-Cluster
Mit außerordentlichen jährlichen Wachstumsraten von über 50 Prozent lag die indische Software- Industrie in den 90er Jahren an der Spitze aller Länder. Der Experte für Ostasien-Studien Govindasamy Balantchandirane von der Universität Delhi sieht Indien gemeinsam mit Irland klar auf dem ersten Platz, wenn es um ITServices für internationale Kunden geht. Der Abstand zu China und Russland ist nach seiner Einschätzung immer noch groß. Balantchandirane hat im Auftrag des Institute of Developing Economies aus Tokio die IT-Cluster in Indien analysiert. Sechs Standorte bilden die geographischen Schwerpunkte und prägen die Software-Industrie. Die Cluster befinden sich in Bangalore, der Hauptstadt-region um Delhi (bestehend aus Delhi, Noida und Gurgaon), Chennai, Hyderabad, Pune und Mumbai (das frühere Bombay). Von den rund 3.500 IT-Firmen in Indien sind mehr als 1.500 in Bangalore ansässig. Rund ein Drittel aller Softwareexporte werden von Bangalore aus getätigt. 160.000 Menschen arbeiten in dieser Stadt im Technologiesektor. 100.000 davon sind direkt im Bereich IT tätig, der Rest auf dem Gebiet Geschäftsprozess-Outsourcing (BPO, Business Process Outsourcing) oder im Bereich Call-Center. Infosys unterhält in Bangalore möglicherweise das größte Trainingszentrum für Ingenieure weltweit: 10.000 IT-Experten können dort jedes Jahr geschult werden. Hyderabad ist die Hauptstadt der Provinz Andhra Pradesh und eine der am schnellsten wachsenden Städte weltweit. 3,7 Millionen Menschen leben in Hyderabad. Das Hightech-Zentrum ist der größte Rivale von Bangalore. Die Management- und IT-Beratung Capgemini analysierte die Einstellung von 1.319 Vorständen und Geschäftsführern von deutschen Unternehmen mit mehr als 12,5 Millionen Euro Jahresumsatz mit Themenschwerpunkt Indien. Viele Führungskräfte beschränken sich auf eine Beobachterrolle, weil sie in ihrem betrieblichen Umfeld (noch) keine Berührungspunkte mit Indien haben. Mit Ausnahme jener Early Movers, die bereits auf dem indischen Markt aktiv sind oder über ihre Zulieferer Gewinne daraus ziehen, weiß das Gros der Führungskräfte in Deutschland offenbar noch nicht viel mit dem Subkontinent anzufangen. „Der Boom in China darf den Blick auf Indien nicht verstellen“, warnt Capgemini Zentral- und Osteuropa CEO Antonio Schnieder. Sein Argument: „Indien ist nicht mehr nur der riesige Absatz- oder der billige Beschaffungsmarkt. Das Land entwickelt sich zum dynamischen Handelspartner auf Augenhöhe.“
Steigende Kosten
Der Erfolg der indischen Unternehmen ist zugleich ihr Schicksal, denn die Gehälter des qualifizierten Personals steigen, und es wird auch in Indien immer schwerer genügend Mitarbeiter zu finden, die die hohen Ansprüche der IT-Branche erfüllen. Allerdings sind
jährliche Gehaltssteigerungen bei Software- Ingenieuren um 15 Prozent nicht ausreichend, um den Abstand zu den Gehältern in den USA oder Europa schnell aufzuholen. In einer Gartner-Prognose vom April 2007 wird vorausgesagt, dass auch bei weiteren jährlichen Steigerungen um 15 Prozent ein Abstand zu den US-Gehältern zehn bis 15 Jahre erhalten bleibt. Aufgrund des hohen Wachstums krachen Städte wie Bangalore aus allen Nähten. Die Infrastruktur des Landes muss weiter ausgebaut werden. Schon längst sind die IT-Firmen Indiens im Ausland vertreten. Nach den USA beginnen sie nun auch stärker den europäischen Markt ins Visier zu nehmen. Im August 2007 schluckte Wipro die amerikanische Infocrossing Inc. und vor wenigen Tagen wurde eine umfangreiche Partnerschaft mit SAP geschlossen. Mit Cash-Reserven von 18 Milliarden Dollar ist Wipro für Übernahmen gut gerüstet. Die Großen der indischen Software- Industrie internationalisieren sich.
Kommentare
Ihre Meinung zur Meldung




