Körper lügen nicht

27. September 2007 · Menschen ·  

Der fischige Händedruck ist ein K.o.-Kriterium. Bewerber mit einem laschen, feuchten Händedruck können noch so qualifiziert sein, sie haben in den Führungsetagen der Wirtschaft keine Chance. Die Person hat sich selbst entlarvt als Charakter mit wenig Tatkraft und geringem Selbstbewusstsein. Nur selten ist die Körpersprache so leicht zu deuten. Erfolgreiche Einkäufer profitieren, wenn sie die Grundregeln der Körpersprache kennen. Die Wirkung der eigenen Person als Verhandlungspartner oder Vorgesetzter auf andere Menschen spielt immer eine große Rolle. Genauso wie jeder geschulte Verkäufer können auch Einkäufer Vorteile erzielen, wenn der Mensch auf den es gerade ankommt richtig eingeschätzt wird und wenn es gelingt, eine positive Beziehung aufzubauen. Für die Wirkung sind Kleidung und geschliffene Argumente nicht am wichtigsten. Aus Psychologie und Verhaltensforschung ist bekannt, dass nichtsprachliche Elemente von überragender Bedeutung für die zwischenmenschliche Kommunikation sind. Diese nonverbale Kommunikation ist die Körpersprache, die zum überwiegenden Teil aus dem Unterbewusstsein gesteuert wird.

Informationen ohne Filter
Die Sinne steuern unsere Sicht von der Welt, und das meiste erfassen wir über Anschauung – nicht übers Denken. Bei einem Gespräch zwischen Chef und Mitarbeiter fließen pro Sekunde zehn Millionen Informationseinheiten (Bit) über die Augen, eine Million Bit pro Sekunde werden über das Sinnesorgan Haut aufgenommen, eine Kapazität von je 100.000 Bit pro Sekunde haben Ohren und Geruchssinn, weitere 1.000 Bit pro Sekunde steuert noch der Geschmackssinn bei. Ob wir es wollen oder nicht: Unsere Augen füttern unser Unterbewusstsein laufend mit Informationen und auf diese Informationen reagiert der Mensch – innerlich und äußerlich.
Die nonverbale Kommunikation bestimmt zu achtzig Prozent und mehr unsere Entscheidungen. Der amerikanische Psychologe Albert Mehrabian berechnete, dass zu 93 Prozent das „Wie“ und nur zu sieben Prozent der Inhalt für den Erfolg von Vorträgen, Reden und Gesprächen verantwortlich ist. Wie wir Menschen einschätzen und wie wir mit ihnen kommunizieren ist nicht bewusst steuerbar. Es ist zwecklos, sich einzelne Elemente der Körpersprache anzutrainieren, denn der Körper kann nicht lügen. Schon Christian Morgenstern wusste: „Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare“. Samy Molcho, der bekannte Pantomime, Professor und Fachmann für Körpersprache, sagt: „Der Körper ist ein Handschuh der Seele.“ Zwischen Körper und Geist findet ständig ein Zusammen-spiel statt. Dabei kommt es zu unbewussten Äußerungen. Der Körper drückt immer etwas aus, was im Inneren des Menschen vorgeht. Molcho: „Bleibt einer unverändert in seiner körperlichen Haltung, können wir davon ausgehen, dass er sich auch geistig nicht bewegt hat.“

Programm aus Urzeiten
Bei der Sprache des Körpers gibt es keine Zufälle, sie ist zum einen Teil aus Urzeiten programmiert und determiniert. Und zu einem anderen Teil drückt sie auch das soziale Verhalten aus. Grundsätzlich gilt, dass die Körpersprache im weitesten Sinne vor allem Ausdruck unserer Empfindungen ist. Ist ein Mensch mit sich und der Welt im Einklang, fühlt er sich wohl, nicht bedroht und nicht unter Druck, dann schlägt sich das in ganz bestimmten körpersprachlichen Signalen nieder. Charisma eines Menschen lässt sich nicht äußerlich auftupfen – es muss von innen kommen. Deshalb heißt es auch, große Persönlichkeiten haben eine Ausstrahlung, ihre Ruhe und Harmonie überträgt sich auf die Außenwelt. Dissonanzen im Innenleben einer Person sind es, die geschulte Beobachter sofort erkennen können. Wer sich mit der Körpersprache beschäftigt und lernt, die körpersprachlichen Signale zu deuten, der kann sein Gegenüber auf eine zusätzliche Weise wahrnehmen. Das kann zum Beispiel bei Verhandlungen und Mitarbeiter-gesprächen entscheidend sein. Vorsicht jedoch vor falschen Schlüssen: Die Interpretation körpersprachlichen Verhaltens ist niemals eindimensional. Bevor von dem offensichtlichen Körperausdruck auf das Denken oder Fühlen der Person geschlossen werden darf, muss die Situation eingeordnet und bewertet werden. Ein Hüsteln kann viel bedeuten oder gar nichts. Ein nervöses Hin- und Herbewegen von Händen oder Füßen kann in einem Nichtraucherzimmer bei einem Raucher, der innerlich nach seiner Zigarette giert, etwas ganz Uninteressantes bedeuten, das keine Relevanz innerhalb des Rahmens hat, in dem die Kommunikation stattfindet. Zur Kunst der Menschenkenntnis, die aus dem Fachwissen um die Körpersprache unmittelbar resultiert, gehört es, diese richtige Einordnung vorzunehmen und externe Einflüsse auf das Verhalten des Gegenübers zu erkennen. Fachwissen muss mit Erfahrung kombiniert werden, und scharfe Beobachtung muss immer sensibel zugeordnet werden. Nichts ist unsinniger in der Psychologie als schematisches 1:1-Denken.

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