Holzverknappung gefährdet Industriebereiche

27. April 2010 · Lieferanten, Märkte ·  

Wald im SchornsteingDer Rohstoff Holz wird in Deutschland so knapp, dass die Energieversorgung durch Biomasse überdacht werden muss. Die Holzverknappung gefährdet etablierte Industrie- bereiche. Der VHI, Verband der deutschen Holzwerkstoffindustrie e.V., prognostiziert, dass im Jahr 2020 eine Deckungslücke von rund 30 Millionen Kubikmetern Holz klafft.

In Europa werden in zehn Jahren laut VHI sogar circa 430 Millionen Kubikmeter Holz fehlen. Angesichts dieser Schätzung fordert der Verband sowohl die Bundesregierung als auch die großen Energiekonzerne zur Kehrtwende auf: Es gelte, die Weichenstellung in Richtung Holzenergie kritisch zu prüfen. Es sei alles zu unterlassen, was die energetische Nutzung von frischem Holz – also das Abholzen und sofortige Verbrennen – fördert und die bevorstehende Rohstoffkrise zusätzlich anheizt. Neue Betreiber müssten die eigene Versorgung mit Brennstoff durch das Anlegen von speziellen Energieholzplantagen sicherstellen. Ansonsten bekämen nicht nur die Kraftwerke kein Holz mehr, sondern vor allem die nachhaltig-ökologischen Nutzungen im Haus-, Möbel- und Innenausbau kämen in existentielle Bedrängnis. „Die verschiedenen deutschen Industrien, die auf den Rohstoff angewiesen sind, müssten sich dann im wahrsten Sinne kannibalisieren“, so der VHI.

Die Berechnungen der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO und des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) werden von Studien und Einschätzungen bestätigt. So ergab die Waldinventurstudie 2008, dass 93 Prozent des Holzzuwachses im Wald bereits genutzt werden; im Staatswald sogar 100 Prozent. Auch beim Altholz sind die Kapazitäten erschöpft. „Die gesamte verfügbare Altholzmenge von 7,9 Millionen Tonnen jährlich ist bereits unter Vertrag, die Biomassekraftwerke müssen ihren Bedarf schon heute über zusätzliche Importe in erheblichem Umfang decken“, sagt Uwe Groll, Vorstand des Bundesverbands der Altholzaufbereiter und -verwerter (BAV). Eine Ausweitung von Holzimporten sei kaum noch möglich, auch aus ökologischen Gründen. Denn auch in den Nachbarländern sei  der Holzvorrat teilweise auf einem historischen Tiefstand. So schlug Ende März die österreichische Sägeindustrie Alarm und erklärte ihre Versorgung für gefährdet.

Experten wie Professor Andreas Michanickl von der Hochschule Rosenheim sprechen vom „Kampf ums Holz“. Bei diesem Wettbewerb treffen eine Vielzahl von Akteuren aufeinander: die Holzenergiebranche, die bearbeitende Industrie, die Produzenten von Papier und Zellstoff, die Holzbau- und Holzwerkstoff-Unter­nehmen sowie die Hersteller von Möbeln und Verpackungen.

International führende Vorzeigebranchen geraten dabei in Gefahr – und mit ihnen Tausende Arbeitsplätze. Auf dem diesjährigen Internationalen Kongress der Säge- und Holzindustrie sagte Professor Michanickl: „Schon heute wird man in Deutschland keinen neuen Standort für die Produktion von Holzwerkstoffen finden. Die Produktion wird zunehmend aus Deutschland abwandern, mit negativen Folgen für die Möbelindustrie sowie den Maschinen- und Anlagenbau.“

Trotzdem verschärft die Politik auf EU- und Bundesebene nach Meinung des VHI den Versorgungsengpass. Sie protegiere die Wärme- und Stromgewinnung aus Biomasse, also ganz überwiegend aus Holz, um unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu werden. 2020 solle es nach einer Studie des bundeseigenen DBFZ fast doppelt so viele
Biomasse-Heizkraftwerke mit einer verdreifachten Gesamtleistung geben, obwohl klar sei, dass selbst ein kompletter Jahreseinschlag Waldholz (circa 70 Millionen Kubikmeter) nur etwa vier Prozent des deutschen Primärenergiebedarfs decken könnte.

Wenn aber die Wälder bereits vollständig genutzt werden und rund 70 Biomasseheizkraftwerke schon heute alles verfügbare Altholz verbrauchen, woher soll das zusätzlich benötigte Holz kommen? Neue Holzverwender werden laut VHI zwangsläufig zu Lasten der etablierten Unternehmen in den Markt treten. Und sollte dabei – in Folge  der Marktanreizprogram­me und Steuernachlässe – das direkte Verheizen von Holz gegenüber der stofflichen Nutzung die Oberhand gewinnen, gingen zahlreiche Wertschöpfungsstufen in Industrie und Handwerk buchstäblich in Rauch auf, warnt der Verband.

Deshalb fordert die produzierende Industrie, dass die Betreiber neuer Biomasseheizkraftwerke selbst aktiv zur Entspannung der Rohstofflage beitragen. „Wer für 2019 einen Jahresbedarf von einer Million Tonnen Holz anmeldet, wie kürzlich im Raum Berlin für die größten Biomasseanlagen Deutschlands, der kann schon heute im eigenen Interesse für ausreichendes Brennholz sorgen, indem er so genannte Kurzumtriebsplantagen anlegt oder anlegen lässt“, sagt Hubertus Flötotto, Vorsitzender des VHI. Er weist auf den Forstminister Brandenburgs hin, der schon 2009 bei Bekanntwerden der Pläne erklärt hatte, dass das benötigte Holz keinesfalls zusätzlich aus Brandenburger Wäldern bereitgestellt werden könne.

Kurzumtriebsplantagen mit schnellwüchsigen Baumarten wie Pappeln und Weiden müssten dabei so konzipiert werden, dass sie nicht zulasten des Waldes, der Natur und der Artenvielfalt gehen. Auf landwirtschaftlichen Böden und brachliegenden Flächen wie ehemaligen Truppenübungsplätzen oder aufgegebenem Industriegelände könnten sie Wirtschaft und Umwelt gleichermaßen nutzen. Die positive Wirkung kann sich nach Ansicht des VHI aber nur entfalten, wenn gleichzeitig  ein geschlossenes Nutzungssystem für Holz umgesetzt wird. Gegen ein ungemindertes politisches „Anheizen“ kämen Energieplantagen allein nicht an, solange stofflich nutzbares Wald- und Altholz direkt verbrannt und damit zu früh aus dem Mengenfluss genommen wird.

„Wir sehen die Politik in der Verantwortung, einen fairen Wettbewerb zwischen stofflicher und energetischer Nutzung herzustellen“, erklärt Flötotto mit Blick auf rund 300.000 Arbeitsplätze im Holzwerkstoff- und Möbelbereich. Aufgrund der heute schon selbstzerstörerischen volkswirtschaftlichen Lage und des Nutzungsdrucks auf den Wald hätten realistische Lösungen auf dem Fundament eines ideologiefreien energie-, wald-, ressourcen- und industriepolitischen Konsenses höchste Priorität.

Bild: Zuviel deutscher Wald wird verbrannt (Foto: VHI Verband der Holzwerkstoffindustrie)

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