Neuer Einkaufs-Mix bei Stahlunternehmen
Der weltweite Markt für Metallschrott wird von heute 470 Millionen Tonnen in den nächsten fünf Jahren auf ein Volumen von etwa 550 Millionen Tonnen anwachsen. A.T. Kearney prognostiziert jährliche Wachstumsraten von bis zu fünf Prozent.
Wesentliche Treiber für die wachsende Metallschrottnachfrage sind der mittelfristig steigende Stahlbedarf und die geringeren Kosten bei der Stahlproduktion. Hinzu kommt die sehr viel bessere Ökobilanz: Bei hohem Schrottanteil werden sehr viel weniger Energie und Rohstoffe benötigt und so die Umwelt deutlich weniger belastet. Das geht aus einer aktuellen Studie der Managementberatung A.T. Kearney hervor.
Die aktuell stark gefallenen Rohstoffpreise versetzen Stahlunternehmen seit vielen Jahren erstmals wieder in die Lage, ihren Einkauf strategisch neu zu positionieren. Wesentlich ist dabei, den richtigen Mix aus Rohstoffen und Metallschrott zu finden. Dies betrifft alle strategischen Investitionsentscheidungen in Bereichen, die direkt oder indirekt mit der Produktion zusammenhängen. Gefragt sind dabei vor allem Weitsicht und ein möglichst hohes Maß an Flexibilität, um möglichst viele Szenarien in Punkto Rohstoffpreisentwicklung und Metallschrottmarkt abbilden zu können.
Der Zugang zu Metallschrottaufkommen wird zunehmend schwieriger. Entsprechend misst die globale Stahlindustrie den Schrottmärkten auf lange Sicht eine hohe strategische Bedeutung bei. Nach den zahlreichen Fusionen der Rohstoff- und Stahlhersteller beginnt sich nun auch die Schrottindustrie mit ersten großen Übernahmen zu konsolidieren. Die zentrale Frage ist dabei, wer am schnellsten diesen wichtigen Markt global besetzen kann und welche Rolle deutsche und europäische Unternehmen dabei spielen werden.
„Die weltweite Stahlproduktion wird auch in den nächsten Jahren weiter ansteigen und parallel dazu auch die Schrottnachfrage immer weiter wachsen – trotz aktuell fallender Rohstoffpreise. Denn das Recyceln von Stahl lohnt sich sowohl ökonomisch als auch ökologisch durch Wiederverwertung und schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen“, sagt A.T. Kearney-Partner und Stahlexperte Prof. Dr. Alexander Malkwitz: „Die Politik ist im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens sehr am Einsatz von Metallschrott interessiert, denn die Verwendung von Schrott anstelle von Rohstoffen hat eine sehr viel bessere Ökobilanz: Es werden weniger Energie und Rohstoffe benötigt und die Umwelt wird weniger belastet.“
Der zu erwartende Trend wird auch Einfluss auf zukünftige Investitionsentscheidungen haben. So kann mittels Elektroöfen Schrott zu 100 Prozent als Rohstoff eingesetzt werden, während bei der klassischen Hochofentechnologie maximal 30 Prozent Metallschrottanteil verwendet werden kann. „Gerade bei der Hochofenproduktionsroute werden die technisch möglichen Schrotteinsatzquoten heute bei Weitem nicht erreicht, daher kann der Schrotteinsatz auch noch weiter gesteigert werden. Kommt es dann zukünftig zu einem Ausbau der Elektroofenkapazitäten, steigt außerdem die Schrottnachfrage strukturell zusätzlich stark an“, sagt Malkwitz.
Schrottnachfrage steigt schneller als Schrottangebot
„Der heute zugängliche Stahlschrott bzw. Altschrott wurde je nach Verwendungszweck vor bis zu 50 Jahren produziert. Zu dieser Zeit wurde jedoch sehr viel weniger Stahl verbaut als heute nachgefragt wird. Aus diesem Grund bleibt die angebotene Menge Stahlschrott systematisch hinter der Nachfrage zurück“, erklärt Dr. Marc Vathauer, Experte für Recycling bei A.T. Kearney. Hinzu kommt, dass viel Stahl insbesondere in China innerhalb von Infrastrukturen verbaut wird und damit sehr lange gebunden ist.
Dies hat auch zur Folge, dass der weltweite Metallschrotthandel durch entsprechende Restriktionen und Ausfuhrzölle von den staatlichen Institutionen eingedämmt wird – schließlich wollen die Regierungen das kostbare Gut Metallschrott lieber im eigenen Land behalten. Neben Handelsbeschränkungen durch Exportzölle erschweren zusätzlich die steigenden Logistikkosten den globalen Schrotthandel. So sind wichtige Schrottexporteur-Nationen wie beispielsweise Russland und die Ukraine bereits dazu übergegangen, einen Großteil des Metallschrotts selber zu verwerten.
„Auf der anderen Seite besteht parallel dazu die Gefahr, dass ein Land wie China, getrieben von seinem enormen Bedarf nach Stahl, Stahlschrott in großen Mengen zu hohen Preisen aufkauft und so den gesamten Markt aus dem Gleichgewicht bringt“, so Vathauer.
Neue Recyclingkonzepte notwendig
Aktuell sind die Schrottrecyclingquoten insbesondere bei Containern und Baustahl auch in westlichen Ländern noch steigerungsfähig und können noch deutlich erhöht werden. Solche Schrottrecyclingmodelle bringen den Unternehmen in doppelter Hinsicht einen hohen Nutzen: Zum einen können Unternehmen nicht unerhebliche Kostenvorteile im Rohstoffeinkauf realisieren, zum anderen eröffnet sich ihnen die Möglichkeit einer alternativen Rohstoffquelle, wodurch sie ihre Nachfrage langfristig absichern können. Dies gilt ganz besonders auch für die deutschen Hersteller, die kaum mehr eigene Rohstoffzugänge besitzen und gänzlich von volatilen Rohstoffmärkten abhängig sind. „Zudem zeigt die Nachhaltigkeitsdiskussion, dass eine erhöhte Recyclingrate sowie die möglichst vollständige Ausschöpfung des Metallschrotts volkswirtschaftlich sinnvoll und politisch gewünscht sind“, so Malkwitz.
Konsolidierung in vollem Gange
Die strategische Bedeutung der Schrottindustrie steigt stetig weiter an – was sich auch in den ersten großen Übernahmen in diesem Bereich widerspiegelt. So hat beispielsweise kürzlich das japanische Unternehmen Yamato Kogyo 49 Prozent von Advanced Steel Recovery Inc. übernommen und die russische Severstal die amerikanische Esmark aufgekauft. „Beides Vorboten einer großen Übernahmewelle, bei der vor allem Fusionen von global agierenden Schrott- und Stahlunternehmen die größten Wertsteigerungspotenziale besitzen“, so Malkwitz: „In diesem Zusammenhang sollten Stahlunternehmen durchaus über eine verstärkte Rückwärtsintegration in den Schrotthandel nachdenken.“
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