In Deutschland hat sich der Aufschwung laut ifo Institut im vergangenen Halbjahr mit hohem Tempo fortgesetzt. Der massive Produktionseinbruch während der Finanz- und Wirtschaftskrise ist inzwischen wettgemacht worden. Die vorliegenden Frühindikatoren lassen eine Fortsetzung des Aufschwungs erwarten, jedoch bei verlangsamtem Tempo. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte 2011 – bei einem 67%-Unsicherheitsintervall von 2,7% bis 3,9% – um 3,3% steigen. Die Zahl der Arbeitslosen wird voraussichtlich um knapp 300 000 sinken. Im kommenden Jahr dürfte die Konjunktur in Deutschland in etwa das Tempo beibehalten, mit dem sie das Jahr 2011 beendet. Sie bleibt damit klar aufwärts gerichtet.
Weltwirtschaft
Die Weltwirtschaft ist recht dynamisch in das laufende Jahr gestartet. Im zweiten Quartal dürfte sich die globale Konjunktur aber abgeschwächt haben. Der vom ifo Institut erhobene Indikator für das Weltwirtschaftsklima ist zwar weiter gestiegen, aber nur noch leicht. Nach Ländern und Regionen differenziert ist die Entwicklung weiter recht unterschiedlich. Während die Expansion in den Schwellenländern, trotz einer gewissen Abschwächung seit dem zweiten Quartal 2010, nach wie vor überdurchschnittlich stark ist, entfalten die fortge-schrittenen Volkswirtschaften eine viel geringere Dynamik und durchlaufen zumeist eine eher schleppende Erholung.
Sonderfaktoren der Weltwirtschaft
Seit dem Frühjahr 2011 steht die Weltwirtschaft auch unter dem Einfluss zweier Sonder-faktoren – des Erdbebens und der nuklearen Katastrophe in Japan sowie der politischen Umbrüche in Nordafrika und dem Nahen Osten. Die Naturkatastrophe in Japan vernichtete einen Großteil des öffentlichen und privaten Kapitalstocks in den betroffenen Gebieten und löste erhebliche Produktionsausfälle aus. Daher brach die Wirtschaftsleistung Japans im ersten Quartal stark ein. Gleichwohl dürften die Auswirkungen auf die Konjunktur der übrigen Welt begrenzt und nur von kurzer Dauer sein. Die Unruhen im arabischen Raum sind in konjunktureller Hinsicht insbesondere deshalb von Bedeutung, weil sie sich negativ auf die Versorgung der Weltwirtschaft mit Erdöl auswirken könnten.
Im Prognosezeitraum dürfte sich die weltwirtschaftliche Erholung zwar fortsetzen, sie wird aber voraussichtlich moderat an Tempo verlieren. In den Schwellenländern wird die Wirtschaftspolitik den Restriktionsgrad erhöhen, um den Inflationsdruck sowie die Gefahr einer Überhitzung zu reduzieren. In den Industrieländern werden die notwendigen Konsoli-dierungsbemühungen des privaten und öffentlichen Sektors die wirtschaftliche Expansion verlangsamen. Dies gilt besonders für die Länder der europäischen Peripherie. Insgesamt dürfte die Dynamik in den aufholenden Volkswirtschaften weiter deutlich über der in den Industrieländern liegen. Alles in allem wird die Weltproduktion in diesem und im kommen-den Jahr voraussichtlich um jeweils 4,2% zulegen.
Euroraum
Im Euroraum dürfte sich die Erholung der Wirtschaft mit moderaten Zuwachsraten fort-setzen. Trotz öffentlicher Sparanstrengungen ist damit zu rechnen, dass sich das Ex-pansionstempo im Verlauf des kommenden Jahres leicht beschleunigt. Maßgeblich dafür wird voraussichtlich vor allem die Binnennachfrage sein. So dürften die privaten Investi-tionen von vorteilhaften Refinanzierungsbedingungen, der günstigen Gewinnsituation und einer zunehmenden Kapazitätsauslastung profitieren, während die zunehmende Verbes-serung der Arbeitsmarktsituation in mehreren Kernländern der Währungsunion die Er-holung des privaten Konsums befördern wird. Alles in allem ist damit zu rechnen, dass das Bruttoinlandsprodukt im Euroraum in 2011 um 2,0% und in 2012 um 1,8% zulegen wird. Allerdings dürften die Unterschiede zwischen den Ländern des Euroraums erheblich bleiben.
Deutschland
In Deutschland hat sich der Aufschwung im vergangenen Winterhalbjahr mit hohem Tempo fortgesetzt. Die gesamtwirtschaftliche Produktion hat in diesem Zeitraum saisonbereinigt um 1,9% zugenommen. Zwar ist die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2010 nur um 0,4 % gestiegen. Dies war im Wesentlichen aber nur die Folge einer saisonunüblich kalten und schneereichen Witterung. Nach der Jahreswende sind die wetterbedingten Ausfälle insbesondere beim Bau und im Verkehrswesen zügig und in vollem Umfang nachgeholt worden.
Der massive Produktionseinbruch aufgrund der zurückliegenden Finanz- und Wirtschafts-krise ist inzwischen wettgemacht worden. Der ifo Geschäftsklimaindikator übertrifft seit einem Dreivierteljahr sogar die Spitzenwerte der Boomjahre 2006/07. Im industriellen Kern liegt die Kapazitätsauslastung mit 86 % deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.
Im Gefolge der starken Konjunktur hat sich der Preisauftrieb merklich beschleunigt; die Verbraucherpreise lagen im Juni um durchschnittlich 2,3% höher als ein Jahr zuvor. Zwar wurde die Teuerung maßgeblich durch die gestiegenen Rohstoffpreise bestimmt, aber auch die Kerninflation hat in den vergangenen Monaten allmählich zugelegt und liegt – in der Abgrenzung des ifo Instituts – mittlerweile bei 1,6%, nachdem sie im Durchschnitt des Vorjahres nur 0,7% betragen hatte.
Im zweiten Quartal 2011 dürfte das hohe Produktionsniveau des ersten Quartals deutlich weniger schnell ausgebaut worden sein als zuvor. Für das zweite Halbjahr 2011 deuten die ifo Geschäftserwartungen darauf hin, dass die seit Anfang 2010 hohe durchschnittliche Dynamik nicht ganz gehalten werden kann. Die positive konjunkturelle Grundtendenz be-steht jedoch fort. Sie wird getragen von weiterhin sehr günstigen Finanzierungsbedin-gungen, steigender Beschäftigung und robuster Auslandsnachfrage. Insgesamt ergibt sich für 2011 ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 3,3% bei einem 67%-Unsicherheits-intervall von 2,7% bis 3,9%.
Im kommenden Jahr dürfte die Konjunktur in etwa das Tempo beibehalten, mit dem sie das Jahr 2011 beendet. Sie bleibt damit klar aufwärts gerichtet. Zwar ist zu erwarten, dass die EZB ihre Zinsen bis dahin leicht angehoben hat und die Weltwirtschaft – gewichtet mit den deutschen Exportanteilen – geringfügig an Fahrt verlieren wird, weshalb sich die Investitionsdynamik im Jahresverlauf etwas normalisieren dürfte. Dafür dürften die privaten Konsumausgaben, befördert durch steigende Löhne und die zunehmende Arbeitsplatz-sicherheit, allmählich an Fahrt gewinnen. Insgesamt wird das reale Bruttoinlandsprodukt voraussichtlich um 2,3% expandieren.
Bei alledem dürfte die Erwerbstätigkeit weiter zunehmen; im Jahresdurchschnitt 2011 ist ein Anstieg um 490 000 Personen zu erwarten. Im kommenden Jahr dürfte die Erwerbs-tätigkeit um 315 000 Personen zunehmen. Aufgrund eines steigenden Arbeitsangebots dürfte die Zahl der Arbeitslosen nicht im gleichen Ausmaß sinken. In 2011 wird eine Reduktion um 295 000 und in 2012 um 260 000 erwartet.
Die sich weiter öffnende Outputlücke wird die Kerninflation allmählich nach oben treiben. Da aber die Rohstoffpreise annahmegemäß konstant gehalten werden und damit in 2012 nicht mehr zur Inflation beitragen, ergibt sich für die Verbraucherpreise insgesamt ein An-stieg um 2,4% im laufenden Jahr und nur um 2,1% im nächsten Jahr.
Das gesamtstaatliche Budgetdefizit dürfte infolge der guten Konjunktur und der Konsoli-dierungsbemühungen von 82 Mrd. Euro im vergangenen Jahr auf knapp 38 Mrd. Euro in diesem Jahr sinken. Für das Jahr 2012 ist sogar mit einem nahezu ausgeglichenen Haushalt zu rechnen. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt wird sich das Defizit 2011 auf 1,5% belaufen, im kommenden Jahr voraussichtlich auf 0,2%.
Schuldenkrise ist zentrales Risiko
Ein zentrales Risiko für die Prognose geht von der anhaltenden Schuldenkrise in der Peripherie des Euroraums hervor. So könnten eine deutlich schlechter als erwartete Konjunktur oder ein starker politischer Gegenwind in den betroffenen Ländern zu einem erheblichen Verfehlen der Sparziele führen. Dies könnte das Vertrauen in die Angemessen-heit der anvisierten Konsolidierungsmaßnahmen sowie in die Zulänglichkeit der bereits beschlossenen Hilfspakete erschüttern. Als Ergebnis könnte es zu einem erneuten starken Anstieg der Verunsicherung an den europäischen Bondmärkten und damit zu weiteren Belastungen für das Bankensystem in vielen Ländern des Euroraums kommen. Eine besondere Gefahr stellt hier ein mögliches Überschwappen der Unsicherheit auf größere Mitglieder der Währungsunion wie Spanien, Belgien oder gar Italien dar und die damit einhergehenden beträchtlichen Eigenkapitalverluste für den Bankensektor im Euroraum. Sollten auch größere Länder wie Spanien oder Italien die finanzielle Hilfe der Europäischen Staatengemeinschaft und des Internationalen Währungsfonds ersuchen müssen, so ist damit zu rechnen, dass die bereits beschlossenen Rettungspakete nicht mehr ausreichen, um den Liquiditäts- und Finanzierungsbedarf aller betroffenen Länder zu decken. Ein mögliches Scheitern einer weiteren Aufstockung der Hilfspakete aufgrund starken politischen Widerstands in den Kernländern des Euroraums könnte eine ungeordnete Restrukturierung der öffentlichen Schuld in einem oder mehreren der Krisenländer erford-erlich machen. Ein erneutes Abgleiten der Europäischen Währungsunion in die Rezession wäre in diesem Fall aufgrund der enormen Belastungen für das Bankensystem nicht aus-zuschließen.
Fisikalische Risiken für Deutschland
Für Deutschland bestehen immense fiskalische Risiken. Sollte sich die Ansicht durch-setzen, dass die bisher durch Rettungspakete gestützten Länder die Last ihrer Verbindlich-keiten wirtschaftlich dauerhaft nicht schultern können, oder sollte sich erweisen, dass die-se Länder politisch ins Chaos abzugleiten drohen, so ist mit einem teilweisen Schulden-verzicht der öffentlichen Gläubiger zu rechnen. Insbesondere für Griechenland ist dieses Szenario nicht auszuschließen. Da mittlerweile große Teile der griechischen Staatsschul-den von der EU, dem IWF und der EZB gehalten werden und da die EZB darüber hinaus im Zuge ihrer Refinanzierungsgeschäfte mit den europäischen Geschäftsbanken erhebliche Risiken in ihre Bilanz genommen hat, für die letztlich die Steuerzahler aufkommen müssen, könnten die Staatsschulden Deutschlands merklich ansteigen. Dies könnte höhere Risiko-prämien für deutsche Staatsanleihen nach sich ziehen und damit die Finanzierungskosten öffentlicher Schuldner in Deutschland erhöhen. Zudem würde die Rückführung der Staats-schuldenquote zusätzliche Konsolidierungsbemühungen erfordern, die den Aufschwung bremsen.

