Optimierte Prozesskette unterstützt den Einkauf

Industrie 4.0 ist in den meisten Unternehmen angekommen. Doch gelten in prozessopti-mierten Bereichen Logistik und Einkauf noch als Schwachstellen. Mangelnde Transparenz der Transportwege, fehlende innovative Prozesse und Integrität bremsen Unternehmen aus. Die Herausforderung für Einkäufer und Spediteure liegt in der Warenwirtschaft. Damit der Beschaffer just in time bestellen kann, muss er wissen, was im Lager vorrätig und was auf der Straße ist. Diese Daten muss der Logistiker in Echtzeit darstellen können. Diese Datenflüsse in die eigene Prozesskette zu implementieren und zu koordinieren, ist nicht immer einfach.

„Hier muss die Logistik mithalten, damit die Effekte von Industrie 4.0 nicht verpuffen“, betont Prof. Tobias Bernecker. Der Dekan an der Hochschule Heilbronn für Verkehrsbetriebs-wirtschaft und Logistik meint falsche Lagerplätze, Beschädigungen oder Fehlsendungen. „Ohne Echtzeit-Daten taucht die Ware in schwarze Löcher ab und wird bestenfalls noch punktuell sichtbar“, gibt der Professor ein Beispiel.

Auch das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML und der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. forschen an der Digitalisierung von Einkauf und Logistik. Das Problem: Der Einkauf wurde in der industriellen Weiterentwicklung außen vor gelassen. Für eine Integration müssen laut Vorstudie, Prozesse schnell und effizient abgewickelt werden können. Echtzeit-Datenaustausch, Aufhebung vom Silodenken zwischen Abteilungen, eine direkte und transparente Vernetzung mit Lieferanten oder digitale Schulungen der Mitarbeiter sind Instrumente der Prozessintegrität. Das Anforderungsprofil des Einkäufers wird mit neuen Strukturen wachsen. So müsse der 50-jährige Einkäufer auf den heutigen Stand der bereits digitalisierten Abteilungen und Partner gebracht werden.
Im baden-württembergischen Krautheim hat eine Spedition in Orange die Kluft zwischen Einkauf und Logistik entdeckt und systematisch geschlossen: Inhaber Roland Rüdinger hat seine 150 Lkw und 13 Läger umfassende Spedition Logistik 4.0-tauglich gemacht. „Der klassische Transport reicht heutzutage nicht mehr aus, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, so der 55-Jährige. Es geht um Transparenz und Komplettlösungen – idealerweise um den gesamten Globus.

Rüdingers Versandspektrum umfasst Güter aller Branchen. Sein Spezialgebiet: Maschinen- und Anlagebau. Um etwa Flugzeugturbinen oder Baumaschinen zu transportieren, hat er spezielle Verladegeräte und -techniken, Hallen und ein digitales Vermessungssystem, das das Transportgut mit dutzenden Parametern samt Fotos erfasst und an Einkäufer weiterleiten kann. Denn schon bei der Auftragsannahme fehlen oft Angaben oder werden vom Kunden heruntergespielt, um Frachtkosten zu drücken. Diese Fehlerquellen werden durch das Scannen eliminiert.

Rüdinger bietet auch See- und Luftfracht. Mit diesem Komplettservice schließt der Kraut-heimer die Lücke zwischen international agierenden Reedereien, Luftfahrtgesellschaften und nationalen Spediteuren. Langatmige Ausfuhrprozesse oder die Abhängigkeit von externen Warenprüfungen umgeht der Stratege damit auch. Dank der schulungsintensiven Legitimation durch das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) bietet der Hohenloher diesen Service auch extern an. „Komplexe Zollformalitäten, Sicherheitsrichtlinien und die Auflage zur kontinuierlichen Schulung eigener Mitarbeiter sind Gründe, weshalb den Aufwand viele Spediteure scheuen und Zulieferern veraltete Lösungen anbieten“, so Rüdinger.

Dank der See- und Luftfrachtkompetenz ist Rüdinger in der Wertschöpfungs- und Logistik-kette um eine Position nach vorne gerückt und kann deshalb nun die schnittstellenfreie Digitalisierung aller Geschäftsprozesse zu 100 Prozent global abbilden und Einkäufern ein Komplett-Konzept bieten. „Damit dürften wir aktuell bundesweit ein Alleinstellungsmerkmal haben“, vermutet Rüdinger. Zwar hätten Mitbewerber digitale Bausteine, doch fehle dort überall noch die Durchgängigkeit.

Ein weiterer Baustein der Digitalstrategie ist die flächendeckende Video-Überwachung sämtlicher Hallen bis zur Rampe. Damit werden etwaige Transportschäden erfasst oder belegt, dass diese nicht in seiner Obhut entstanden sind. Das schafft Klarheit für den Einkauf und schützt Mitarbeiter vor falschen Verdächtigungen. Mehr noch: Empfänger können bei einer Bestellung auf Abruf ihre Ware live in den Umschlaghallen einsehen oder per Online-Bestellung in Auftrag geben.

Rüdinger: „Wir wissen bis auf den Zentimeter genau, wo sich unsere Ware in welchem Zustand befindet“. Eine Transparenz, die Prozesse planbarer gestalten. Einkauf und Fertigung können so aufeinander abgestimmt werden. Ein weiterer wichtiger Schritt einer optimalen Schnittstelle, war die genaue Erfassung und Übermittlung der Ankunftszeit der Ware. Ein Vorteil für alle Just-In-Time-Planungen.

„Die Logistik und der Einkauf müssen der Geschwindigkeit der Industrie angeglichen werden – und künftig noch schneller sein“, sagt Prof. Bernecker. Denn nur dann gebe es keine Systembrüche an der schwächsten Stelle einer Wertschöpfungskette. Voraussetzung für dieses Qualitätsniveau ist die komplette Wertschöpfung in eigener Hand, wodurch Einzelbereiche verschmelzen.

von Leila Haidar, freie Journalistin

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