Mit der zunehmenden Globalisierung der Geschäftswelt ändert sich auch die Definition dessen, was wir unter „End-to-End“ verstehen. Galten Prozesse wie Procure-to-Pay bisher als rein interne Angelegenheit, setzt sich nun die Erkenntnis durch, dass dieses Verständnis auf eine weltumspannende Lieferkette nicht mehr zutrifft. Der nun verwendete Begriff, Source-to-Settle, wird den neuen Gegebenheiten besser gerecht, indem die Zusammenarbeit inkl. Supply Chain mit zahlreichen externen Partnern, darunter Lieferanten, Kunden, Banken usw. beschreibt.
Parallel dazu wird der auf das Sourcing beschränkte Prozess nun auch auf das Produktdesign ausgedehnt. Lieferanten und deren Lieferanten werden ein Teil des Echtzeit-Gewebes der modernen digitalen Ökonomie, weil die Erwartungen der Kunden immer weiter steigen und der ‚Market of One‘ immer mehr zur Realität wird. Geschäftsprozesse, die am Rand des Unternehmens beginnen, führen durch dessen Kern und kreuzen auf ihrem Weg mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz unterschiedliche Prozess- und Geschäftsbereiche. All dies übt enormen Druck auf Produktdesign und -iteration sowie auf den ständig kürzer werdenden Produktzyklus aus, von der Entwicklung über die Markteinführung bis zur Obsoleszenz.
Versetzen Sie sich in die Lage eines „traditionellen“ Produktionsunternehmens, das seit 100 Jahren Messing-Gussteile fertigt und nun seine Produkte mit Elektronik und Software ausstatten muss, um für das Internet der Dinge gerüstet zu sein. In einer globalen Ökonomie ist die Komplexität Ihrer Lieferoptionen geradezu exponentiell angestiegen. Wenn Sie nun noch bedenken, dass alle Anpassungen in Echtzeit erfolgen müssen, wird schnell klar, warum die meisten Unternehmen vor einer Business-Realität stehen, der ihre Prozesse und Fähigkeiten schlicht nicht gewachsen sind. Selbstverständlich müssen Sie als Beschaffungs- oder Supply-Chain-Spezialist auch noch Ihrer täglichen Arbeit nachkommen: Einsparungen realisieren, die Produkt- und Prozess-Compliance sicherstellen, Geschäftsbeziehungen managen, als Innovator wirken…
Wie sehen vor diesem Hintergrund also die drei wichtigsten Procurement-Gebote der digitalen Welt aus, und welche Implikationen haben sie für Unternehmen?
1) Digitalisieren Sie Geschäftsprozesse innerhalb wie außerhalb Ihres Unternehmens
2) Schaffen Sie agile Prozesse, um auf alle internen und externen Anforderungen schnell reagieren zu können
3) Nutzen Sie eine Plattform um mit Lieferanten, Partnern und Kunden effektiv und effizient kommunizieren, aber auch interagieren zu können
Digitalisieren Sie Geschäftsprozesse innerhalb wie außerhalb Ihres Unternehmens
Vermutlich ist es gar nicht so wichtig, wo Sie die Reise starten (Ihr Business Case sollte Ihnen hier als Orientierung dienen). Von viel größerer Bedeutung ist, dass Sie das Ziel fest im Blick haben. Procure-to-Pay gehört der Vergangenheit an. Es ist nun Bestandteil des umfassen-deren Source-to-Settle-Geschäftsprozesses. Wichtig ist die Zusammenarbeit von Kunden und Anbietern beim Design und der Beschaffung neuer Produkte und dies wird die Sieger der digitalen Ökonomie auszeichnen. Wenn Sie sich allein auf ihr vorhandenes Lieferanten-netzwerk stützen, kann dies ihre Innovationsfähigkeit entscheidend schmälern. Der offene Blick für neue Lieferquellen ist daher von allergrößter Wichtigkeit für Design, Kosten, Lieferketteneffizienz und langfristige Servicequalität.
Die Unterscheidung zwischen „pay“ und „settle“ verweist auf erhebliche Potentiale, die in diesem Prozessschritt in der Beschaffung liegen. Für die meisten von uns bedeutet das „Pay“ in Procure-to-Pay, dass ein Bezahlvorgang elektronisch genehmigt wird. Wer es hierbei belässt, verzichtet auf Vorteile zur Optimierung des Working Capitals und damit auf bares Geld. Verfahren wie Dynamic Discounting und Supply Chain Financing oder die Art und Weise, wie Lieferantenrechnungen beglichen werden, sind von entscheidender Bedeutung, um aus dem Supply-Chain-Prozess und aus hart erarbeiteter Liquidität maximalen Wert herauszuholen. Zudem bringt Digitalisierung am meisten Gewinn, wenn sie an keiner Stelle des Prozesses unterbrochen wird. Mit einer zentralen Source-to-Settle-Plattform können Sie:
– kurz- und langfristigen Wert schaffen, indem Sie all Daten analysieren, um die Effizienz und Effektivität Ihrer Prozesse zu verbessern,
– Geschäftsprozesse immer wieder anders gestalten, um von neuen Marktchancen zu profitieren,
– schnell und entschlossen handeln und Technologien, wie Predictive Analytics oder Machine Learning einsetzen
Digitalisieren Sie Geschäftsprozesse innerhalb wie außerhalb des Unternehmens
Die Einführung des papierlosen Büros führt umgehend zu niedrigeren Prozesskosten. Aller-dings haben Verfahren wie EDI kaum mehr zu bieten als die Automatisierung von ehemals papiergestützten Abläufen. EDI funktioniert weder in Echtzeit noch bietet es dem Sender oder Empfänger mehr Informationen als ein herkömmliches Spreadsheet. Digitalisierung hingegen bedeutet hoch automatisierte Verarbeitung von ganzen Prozessketten mit unmittelbarer Transparenz, vom Design bis zum Produktionsvorgang. Sie bedeutet detaillierte Einblicke in Kosten, den Materialfluss und Produktionsplänen in Echtzeit sowie die enge Kollaboration mit Lieferanten, deren Aktivitäten eine positive oder negative Auswirkung auf Ihr Unternehmen haben können. All dies ist Digitalisierung im Jahr 2017, die wir bei einer großen Zahl von Unternehmen schon heute sehen.
Von dieser End-to-End-Digitalisierung profitieren nicht nur Sie selbst, sondern auch Ihre Lieferanten, indem sie Zugang zu Ihren Produktionsplänen erhalten und ihre Lieferverpflich-tungen jederzeit einsehen können. Damit schaffen Sie die Voraussetzungen, um bei anstehenden Vertragsverhandlungen mehr als die bloße Kostensenkung im Blick zu haben und echte Win-Win-Situationen zu schaffen.
Halten Sie sich flexibel, um alle internen und externen Partner mitnehmen zu können
Natürlich wäre es schön, wenn jeder über eine optimale Infrastruktur verfügen würde. Tatsache ist jedoch, dass Ihr globales Supply-Chain-Ökosystem von Firmen mit klassischer Telefon-, Fax- und E-Mail-Technologie bis hin zu Partnern reichen wird, die auf modernste Maschine-zu-Maschine-Interaktion setzen. Sie benötigen also eine Plattformlösung, die sich flexibel an all diese Szenarien anpassen kann. Schließlich wollen Sie nicht nur mit großen Unternehmen in Echtzeit kollaborieren, auch kleinere Anbieter können entscheidende Glieder in Ihrer Lieferkette sein. Entsprechend wichtig ist es, dass Sie einerseits Ihre neuen digitalen Fähigkeiten optimal nutzen, andererseits Ihre Lieferanten genau an der Stelle der digitalen Reise abholen, an der sie sich gerade befinden.
Nur fünf Minuten nicht hingesehen und alles ist anders
Der Einkauf im Jahr 2017 unterscheidet sich stark von dem Beschaffungswesen, das wir noch vor einigen Jahren kannten. Dieser Trend wird sich fraglos fortsetzen und an Tempo zulegen. Wer auf diese Herausforderung mit einer digitalen Gesamtstruktur antwortet, die auf einem soliden Business-Netzwerk basiert, verschafft sich substantielle und langfristige Vorteile. Wer dies nicht tut, läuft Gefahr abgehängt zu werden.
von Dr. Marcell Vollmer, Chief Digital Officer bei SAP Ariba

