Interview: Dienstleister im Gießereiumfeld

Rund 64 Millionen Kraftfahrzeuge waren laut Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts zum 1. Januar 2018 auf den deutschen Straßen unterwegs – rund zwei Drittel der Führerscheinbesitzer in Deutschland steigen täglich in ihr Auto. Grund genug, dass die Automobilindustrie höchste Ansprüche an die Fertigung der verwendeten Bauteile stellt, um Autofahrern die größtmögliche Sicherheit zu bieten. Um die Einhaltung der hohen Branchenstandards jederzeit zu gewährleisten, legen Gießereien Wert auf höchste Präzision, wenn es um die Vergabe von Sekundärprozessen geht. Im Interview berichtet Michael Bechler, Niederlassungsleiter der WISAG Produktionsservice in Donaueschingen, davon, was es für einen Dienstleister bedeutet, im anspruchsvollen Gießereiumfeld tätig zu sein.

Sourcing: Herr Bechler, welche Arbeiten übernimmt ein Industriedienstleister wie die WISAG üblicherweise im Gießereiumfeld?
Michael Bechler: Je nachdem, wie breit ein Dienstleister aufgestellt ist, können eigentlich alle Sekundärprozesse übernommen werden: Angefangen bei Aufgaben wie Nachschleif-, Sortier- und Transportarbeiten sowie Sichtkontrollen bis hin zu Reinigungstätigkeiten sind wir fest in den Produktionsprozess unserer Kunden integriert – wenn es ‚brennt‘, holen wir schon mal die Eisen aus dem Feuer. Als Multidienstleister unterstützen wir allerdings nicht nur im laufenden Produktionsprozess – die WISAG Elektrotechnik, eine unserer Schwestergesellschaften, hat beispielsweise bei einem Kunden nahezu die kompletten Stromversorgungsanlagen errichtet – einschließlich der elektrischen Kabel- und Leistungsanlagen – und ist mit deren Wartung betraut. Darüber hinaus übernehmen wir natürlich anfallende Instandhaltungs- und Wartungsaufgaben an Produktionsanlagen oder führen DGUV Prüfungen durch.

Sourcing: Wie sehen Reinigungsarbeiten im Gießereiumfeld aus?
Michael Bechler: Zunächst muss man sagen, dass die Komplexität der Reinigungsarbeiten im Gießereiumfeld die in vielen anderen Industriebranchen noch übertrifft – die Sicherheitsbestimmungen sind aufgrund der teilweise extremen Temperaturen sehr hoch und müssen selbstverständlich jederzeit zu 100 Prozent eingehalten werden, um schwere Unfälle zu vermeiden. Unsere Einsatzgebiete sind vielfältig und reichen vom ‚normalen‘ Aufkehren von Stäuben und anderen Verschmutzungen, Anlagen-, Dach- und Sonderreinigungen sowie Absaugarbeiten über die Maschinenreinigungen bzw. die Reinigung der Produktionsanlagen bis hin zu Konverterreinigungen und weiteren Spezialreinigungen, wie die Reinigung von Lackiergestellen, bei denen auch Trockeneis zum Einsatz kommt.

Sourcing: Wieso wird hier Trockeneis verwendet?
Michael Bechler: Die Reinigung mit Trockeneis ist nicht nur vielfältig einsetzbar, sondern insbesondere für technisch anspruchsvolle Bereiche auch kosteneffizient. Dank eines portablen Trockeneis-Strahlgeräts ist der Einsatz vor Ort besonders flexibel und aufwendige Installationen von Reinigungsmaschinen sind damit unnötig. Außerdem kommt man nur mit Trockeneis in verwinkelte und strukturierte Oberflächen: Es kommen ein bis drei Millimeter kleine und minus 80 Grad kalte Trockeneispellets zum Einsatz, die per Druckluft mit hoher Geschwindigkeit auf die zu reinigende Fläche geschossen werden und diese kurzzeitig unterkühlen. Als Folge dieser Unterkühlung bilden sich Spannungen zwischen dem Untergrund und der Schmutzschicht, die dann versprödet und aufplatzt. In die so entstandenen Risse dringen die nachfolgenden Pellets ein, sublimieren, dehnen sich aus und sprengen auf diese Weise Schmutz, wie beispielsweise hartnäckige Lackreste, ab, die sonst kaum oder nur mit extrem hohem manuellen Aufwand zu entfernen wären. Es verbleiben keine Strahlmittelrückstände, keine Abwässer oder Reinigungschemikalien, die fachgerecht entsorgt werden müssten. Selbst feinste Schmutzpartikel lösen sich einfach und können mit der normalen Bodenreinigung entfernt werden. Das macht die Methode zusätzlich äußerst umweltfreundlich.

Sourcing: Sie sagen, Sie unterstützen im laufenden Produktionsprozess – welche Aufgabe übernehmen Sie hier?
Michael Bechler: Unsere Aufgabe liegt in erster Linie in der Qualitätsprüfung. Um hier nur ein Beispiel zu nennen: Jeder Automobilhersteller, der Bauteile von einer Gießerei bezieht, hat andere Anforderungen an die Legierung – manche Hersteller bevorzugen eher weiche Legierungen, die anfälliger für Kratzer, dafür jedoch in Maßen biegsam sind. Andere wiederum setzen auf besonders harte Legierungen, die einerseits zwar extrem kratzfest sind, andererseits jedoch auch schneller spröde werden. Um sicherzustellen, dass die Legierungen den Vorgaben entsprechen, nehmen unsere Mitarbeiter bei einem Kunden in regelmäßigen Abständen Proben. Dabei entnimmt der Kollege mit einer Kelle eine Probe des flüssigen Eisens und gießt dieses in eine Vorrichtung, um einen sogenannten Taler zu erstellen. Sobald dieser ausgehärtet ist, wird er gekühlt und zur Analyse ins Labor gebracht.

Sourcing: Welche Herausforderungen stellt die Arbeit im Gießereiumfeld an Ihre Mitarbeiter?
Michael Bechler: Unsere Mitarbeiter müssen ein Höchstmaß an körperlicher Belastung aushalten – rund 1.500 Grad hat das flüssige Eisen in den Öfen. Konzentration und Präzision sind hier unverzichtbar, um Unfälle zu vermeiden. Darüber hinaus hat die Genauigkeit unserer Mitarbeiter direkte Auswirkungen auf die Qualität der Produkte – arbeiten sie unsauber, bekommen unsere Kunden Qualitätsprobleme. So beispielsweise beim Abschlacken: Die Schmelzrückstände werden dabei mit einer Kelle aus dem Ofen abgeschöpft und für die weitere Verarbeitung separiert. Unsere Mitarbeiter müssen sehr genau und qualitätsbewusst arbeiten, sonst kommt es im Guss zu sogenannten Schlackeeinschlüssen. Die davon betroffenen Teile sind Ausschuss und können nicht mehr verkauft werden – ein großer finanzieller Verlust für unsere Kunden, den wir nicht riskieren wollen.

Sourcing: Herr Bechler, vielen Dank für das Gespräch!

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