Die globale Beschaffung für Bekleidung wird sich in den kommenden Jahren rapide ver-ändern. Immer höhere Geschwindigkeit, sinkende Vorhersagbarkeit und zunehmende Komplexität auf den Absatzmärkten trifft auf steigende Produktionskosten, schwankenden Rohmaterial- und Frachtkosten und Verschiebungen in neue Beschaffungsmärkte, die besondere Risken in Bezug auf Umwelt und Sozialstandards mit sich bringen. Mode und Textilunternehmen werden in Zukunft deutlich flexibler, transparenter und integrativer ihre Beschaffung steuern müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Letztendlich bedeutet dies auch mehr Analytik und Technologie, um den wachsenden Anforderungen weiter gerecht zu werden.
Herausforderungen für Beschaffungsentscheider
Die Preise für Rohstoffe sind seit Ende der Finanzkrise wieder fast auf Vor-Krisen-Niveau angestiegen. Baumwolle liegt zwar bei 63% des Niveaus der Höchstpreise in 2011, aber dennoch 50% höher als im Januar 2009. Die Preise sind derzeit stabil, aber für wie lange? Es verwundert daher kaum, dass die diesjährige Befragung von Beschaffungs-Entschei-dern weiter Lohnkosten, Transportkosten und Materialkosten als wichtigste Herausfor-derungen identifiziert.
Der weltweite Anstieg der Produktionskosten (PCI) setzt sich mit Ausnahme nur weniger Märkte fort. Bangladesch und Vietnam sind die Länder mit den absolut gesehen geringsten PCIs von 11 bzw. 14 (Index 100 entspricht Kostenniveau in UK). Beide Länder verzeichnen einen jährlichen Anstieg der Exporte in die EU von durchschnittlich 13% bzw. 9% seit 2007. Die klassischen Beschaffungsregionen in Südchina liegen dagegen mittlerweile bei einem PCI von 38 und zeigen eine Kostensteigerung von über 160% seit 2005. Damit sind die Produktionskosten dort nicht mehr weit von denen in einigen osteuropäischen Beschaf-fungsmärkten entfernt.
China
China war in 2012 mit 38% nach wie vor der größte Bekleidungsexporteur nach Europa, wenngleich dies ein Rückgang gegenüber den 41% in 2010 ist. Auf Deutschland bezogen bedeutete dies über 800 Mio. Euro Beschaffungsvolumen weniger aus China. Auf Platz zwei folgt Bangladesch mit 11%, welches die Türkei als nun nur noch drittgrößter Exporteur nach Europa im Ranking überholt hat. Indien steht nach wie vor an Platz 4 gefolgt von Rumänien als Newcomer in den Top 5.
Chinas Bedeutung als wichtigstes Beschaffungsland wird durch seine Integration der textilen Wertschöpfungskette auch über die nächsten Jahre erhalten bleiben, auch wenn sich die Verschiebung in andere Märkte fortsetzten wird. Prozentual gesehen sind die Gewinner der letzten Jahre dabei Kambodscha, Bangladesch, Polen und Vietnam. Die asiatischen Niedriglohnländer verfügen jedoch noch nicht über die notwendige Infra-struktur, Supply Chain- und Fertigungskompetenzen, um ähnliche Volumina wie China liefern zu können. Innerhalb Chinas hält zudem die Bewegung aus den Küstenregionen ins Landesinnere Chinas für vielfältige Produktgruppen von Denim über Pullover bis hin zu Shirts und Blusen an.
Türkei
Gerade durch die Nähe zur EU bleibt die Türkei drittgrößter Bekleidungsexporteur in die EU nach China und Bangladesch. Es vollzieht sich dort eine Verlagerung der Produktion in kostengünstigere Regionen im Osten des Landes. Zentrale Stärke des Landes sind weiter-hin die vertikal integrierten Fertigungsstandorte wie sie sonst nur in China zu finden sind und das hohe Produktivitätsniveau.
Indien
Indien kommt dagegen nicht von der Stelle und verliert als viertgrößter Exporteur in die EU leicht an Bedeutung. Um seine Stellung mittelfristig zu behaupten muss Indien über die heute schon gegebene verlässliche Verfügbarkeit und Vielfältigkeit an Materialien hinaus auch Herausforderungen in Bezug auf Infrastruktur, Produktivität und Geschäftsumfeld in den Griff bekommen. Als Alternative zu Bangladesch könnte Indien damit wieder eine zunehmende Bedeutung zukommen.
Neue Märkte
Mit Kostensteigerungen vieler Regionen rücken auch neue Märkte in den Fokus wie z.B. in Afrika. Die Produktion steckt dort aber noch in den Kinderschuhen, auch wenn die wenigen klassischen Märkte wie Mauritius oder Madagaskar bereits heute über wettbewerbsfähige Produktionskapazitäten verfügen und einzelne Länder wie Äthiopien ein enormes Wachs-tum gezeigt haben. Chinesische und türkische Produzenten bauen in Äthiopien aktuell vertikal integrierte Produktionsstätten auf, um die Verfügbarkeit lokaler Baumwolle und geringe Lohnkosten zu nutzen. Gleichzeitige Investitionen in die Infrastruktur, z.B. die Bahn-linie von Addis Abeba zum Hafen in Djibouti, können die Grundlage für zukünftiges Wachs-tum bilden. Insgesamt sollte Sub-Sahara Afrika im Blick behalten werden, insbesondere angesichts der jüngsten Nachrichten, dass Marken wie H&M, Primark, Tesco, Walmart und andere dort bereits Piloten starten.
Zentrale Ergebnisse der Befragung europäischer Entscheider im Bereich Beschaffung
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* Social Responsibility (CSR), Produktionsqualität, Verlässlichkeit und Flexibilität wurden als wichtigste Sourcing-Faktoren eingestuft und gewinnen an Bedeutung im Vergleich zu 2011.
* Die Bedeutung der Kontrolle von Vorlieferanten wird weiter zunehmen – über alle Prozesse hinweg vom Fabric Blocking bis hin zu Auditierungs- und CSR-Standards.
* Nur 35% der befragten Händler und Marken haben bereits Standards für Tier-2-Lieferanten etabliert, 50% planen aber diese einzuführen.
* Investitionen in eine stärkere IT-Integration von Lieferanten sind bei einem Großteil der Befragten Unternehmen in Planung insbesondere im Bereich PLM, EDI, Supplier Evaluation und Order Tracking.
* Der Einsatz von PLM-Systemen wird weiter zunehmen. Derzeit setzen sie nur 31% für den Informationsaustausch mit dem Einkaufsbüro ein, 54% planen jedoch diese in Zukunft einzusetzen.

