Denkt der Deutsche an die Ukraine, dann fallen ihm statistisch gesehen die folgenden Dinge ein: Tschernobyl, Krim-Abspaltung, Korruption und, zumindest das, Klitschko. Wobei wir auch hier schon kaum noch zwischen Wladimir (Boxer) und Vitali (Ex-Boxer, nun Bürgermeister von Kiew) unterscheiden. Wir paaren also unbewusst Vorurteile mit gesundem Nichtwissen. Daraus ergibt sich dann häufig die pauschale Meinung: Ukraine, nein danke, für seriöse Geschäftsbeziehungen ungeeignet! Dabei lohnt durchaus ein Blick in Details und neue Entwicklungen.
Zerfall und Stabilisierung
Aus der zerfallenden Sowjetunion geht die Ukraine als eigenständiger Staat 1991 hervor. Die Geschichte der Ukraine ist also noch jung, ein gutes Vierteljahrhundert. Die Weltbank ging seinerzeit davon aus, dass die Ukraine unter allen Nachfolgestaaten der UdSSR über das beste Ausgangspotential verfüge. Denn schließlich war die Ukraine nicht nur der sprich-wörtliche „Brotkorb“ aller Sowjetrepubliken, sondern auch ein zentraler Lieferant von Lebensmitteln aller Art, aber auch von Kohle und Stahl. Darüber hinaus war die Ukraine Standort großer Teile der Rüstungsindustrie, chemischen Industrie, Raumfahrtindustrie, Leicht- und Schwerindustrie u.v.m. Auch die entsprechenden Bildungsstätten haben ihren Sitz in der Ukraine. Doch statt eines Aufschwungs folgte weiterer Zerfall, bedingt durch schlechte Staatsführung und die Aufteilung der Wirtschaft unter Oligarchen. Erst um die Jahrtausend-wende trat eine Stabilisierung ein, auf die eine kurze Hochphase in den Jahren 2005-2008 folgte.
Der Status quo der Umsetzung des EU-Ukraine Assoziierungsabkommens
Im Rahmen der Eastern Partnership Policy der EU begannen 2009 die Verhandlungen unter anderem mit der Ukraine um eine politische und wirtschaftliche Annäherung an die EU zu erreichen. Die Ablehnung der Unterzeichnung in letzter Sekunde im November 2013 durch den damaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Yanukovich gipfelte im sog. 2. Maidan, der „Revolution der Würde“ (zur Erinnerung, der sog. 1. Maidan fand 2014 statt, bekannt geworden als „Orangene Revolution“). Schließlich, nach dem politischen Wechsel in der Ukraine, trat das Assoziierungsabkommen doch zum Jahresbeginn 2016 in Kraft.
Nach dem politischen Teil folgte mit Wirkung zum 01.01.2016 der wirtschaftliche Teil des Assoziierungsab-kommens in Kraft, einschließlich eines „vertieften und umfassenden Freihandels“ (DCFTA – Deep and Comprehensive Free Trade Area). Die unmittelbaren Wirkungen sind indes beschränkt- die ehemals hemmenden Zölle für Industriegüter sind aber schon entfallen. Im Kern ist das Assoziierungsabkommen (inkl. DCFTA) ein Pflichtenheft für den ukrainischen Gesetzgeber, gestaffelt über einen Gesamtzeitraum von 10 Jahren unter anderem handelsbezogene Normen an die europäische acquis communautaire anzupassen.
Zeitgleich in 2016 verbot Russland aber den Import von Lebensmitteln aus der Ukraine. Bis dahin war Russland wichtigster Handelspartner und Abnehmer ukrainischer Agrarprodukte. Eine enorme Herausforderung für die ukrainischen Produzenten, deren Weg nach Europa nur insoweit „frei“ ist, sobald die EU-rechtlichen Lebensmittelanforderungen seitens der Ukraine erfüllt sind. Umsetzung und Tempo des Anpassungsprozesses liegen hier allein in den Händen des ukrainischen Gesetzgebers, der ukrainischen Verwaltung und der ukrainischen Unternehmen.
Das Potential der Ukraine
Die Ukraine kann die „neue Kornkammer der EU“ werden. Zunächst einmal ist die Ukraine unmittelbarer EU-Nachbarstaat, angrenzend an Polen, die Slowakei, Ungarn und Rumänien. Mit einer Fläche von 603.628 qkm ist die Ukraine beinahe doppelt so groß wie Deutschland. Viel wichtiger ist aber: rund 32 Mio. ha Ackerland gibt es dort; das entspricht in etwa einem Drittel der Ackerfläche der gesamten EU (Deutschland: 11,9 Mio. ha). Zudem bedeckt die besonders ertragreiche Schwarzerde ca. 50 % des Landes. Das Schwarzerdegebiet ist also ungefähr so groß wie die gesamte Bundesrepublik Deutschland.
Bei einer zurückgehenden Bevölkerung, die aktuell auf die 40 Mio.-Marke zugeht, entstehen zwangsläufig riesige Überschüsse. Schon jetzt ist die Ukraine einer der weltgrößten Exporteure von Getreide, Pflanzenölen und Honig.
Die Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion wird einen weiteren Sprung erleben, sobald der Landhandel (Kauf und Verkauf landwirtschaftlicher Flächen innerhalb der Ukraine) liberalisiert wird. Aller Voraussicht nach wird dieser Prozess 2018 beginnen.
Die Ukraine verfügt über eine funktionierende Lebensmittelindustrie, die aber derzeit noch auf die Bedürfnisse des heimischen Marktes und des russischen Marktes abzielt. Will man neue Märkte erschließen, werden Investitionen in moderne Produktionsanlagen, Lagerhaltung und Logistik notwendig sein. Langfristig benötigt die Ukraine dringend mehr lokale Wertschöpfung.
Problematisch für ukrainische Unternehmen ist der Zugang zu Finanzierungen. Kann ein Unternehmen allerdings auf Umsätze aus dem Export verweisen, sind vergleichsweise günstige Kredite z.B. der EBRD (European Bank for Reconstruction and Development) denkbar. Insofern können deutsche Importeure zu besseren Investitionsbedingungen ihrer Kooperationspartner in der Ukraine beitragen. Dies erschließt den deutschen Partnern langfristig sehr interessante Potentiale.
Insgesamt ist es bewundernswert, welche Leistungen der Sektor trotz der teilweisen katastrophalen Rahmenumstände – Investitionsstau, geringe Kaufkraft, teure Finanzierungen, behördliche Eingriffe – jetzt bereits vollbringt. Neben den aus alten Strukturen hervorge-gangenen Produzenten gibt es auch zahlreiche Neugründungen, die interessante Produkte mit schickem Design auf den Markt bringen. Rein äußerlich sind diese von „westlichen Markenprodukten“ nicht zu unterscheiden. Wobei es sich hier nicht um gezielte „Raubkopien“ handelt. So stellt die Firma „Futurefood“ zum Beispiel sog. „Futurechips“ her, die zu 100% aus ökologisch angebautem Leinsamen bestehen, eine gesunde Alternative zu Kartoffelchips.
Viel Potential verspricht vor allem der ukrainische Bio-Sektor. Etwa 300 Hersteller sind bereits nach den Vorgaben der EU-Bio-Richtlinie zertifiziert. Neben Betrieben, die bewusst von konventioneller Bewirtschaftung auf Biolandwirtschaft umstellen, existieren vor allem kleinbäuerliche Wirtschaften, die ganz traditionell ökologisch anbauen bzw. züchten. Darüber hinaus gibt es natürliche Vorkommen an Beeren und Pilzen aus unberührten Landschaften.
Und der Bio-Sektor wächst. Geschulte Experten beraten bei der Umstellung auf ökologischen Landbau, Zertifizierungssysteme sind vorhanden. Die Branche beginnt sich zudem zu organisieren und richtet ihre eigenen Bio-Messen ähnlich der BIOFACH aus (z.B. „Agroport“). Dementsprechend hat die Ukraine das Potential, die deutsche Biobranche zu beliefern, die bereits jetzt ihren Bedarf mit heimischen Waren nicht mehr decken kann.
Investitionsklima in der Ukraine
Ein Vergleich eines deutschen Diplomaten fasst die Sache recht gut zusammen: „Im Gegensatz zu China ist das Investitionsklima in der Ukraine besser als der Ruf.“ Fakt ist, dass zwischen Deutschland und der Ukraine ein Investitionsschutzabkommen besteht, auf das man sich bei staatlichen Eingriffen berufen kann. Das wäre dann allerdings schon die letzte Instanz. Als Erfolgsrezept gilt: von Anfang an sich gut beraten lassen und stets im Rahmen der Gesetze der Ukraine bleiben – das ist der beste Investitionsschutz.
Bislang mangelt es im grenzüberschreitenden Warenverkehr mit der Ukraine vor allem an den notwendigen Soft-Skills der ukrainischen Lieferanten. So fehlt es oft an Sprachkenntnissen, Verlässlichkeit, Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit in den Lieferbeziehungen. Mit dem zunehmenden Handel mit Europa, bzw. Deutschland, wird sich das sicher mit der Zeit ändern, sobald die ukrainischen Geschäftspartner merken, dass sie mit den langfristigen Geschäfts-beziehungen strategisch bessere Ergebnisse erzielen können.
Die Ukraine als unmittelbarer EU-Nachbarschaftsstaat und Niedriglohnland mit vielen Bodenschätzen sowie natürlichen Ressourcen bietet für den europäischen Markt eine gute Beschaffungsquelle an. Dabei kann die Ukraine nicht nur mit ihrer Agrarwirtschaft punkten, sondern auch mit der IT-Branche, wo einige US-Firmen die ukrainischen IT-Spezialisten längst als Outsourcing-Quelle für ihre Projekte nutzen. Hierauf werden wir in unserem nächsten Beitrag eingehen.
von Wolfram Rehbock, Rechtsanwalt und Gründer von „REHBOCK & FRIENDS“, Kyiv und Antonia Kuksova, VeresConsulting – internationale Logistik-Einkaufstrainerin und SCM-Beraterin, Ettlingen

