Im Schienenverkehr wächst der Druck, das Geschäft international aufzustellen. Um im weltweiten Wettbewerb zu bestehen, wurde jedoch bisher eine zentrale Weiche vernach-lässigt: die Lieferanten und ihre Netzwerke. Das offenbart eine Umfrage der h&z Unter-nehmensberatung unter Lieferanten. Obwohl über 70 Prozent der Befragten bereits in internationalen Projekten aktiv sind, zeigen sich dennoch deutliche Defizite in der Liefer-kette.
85 Prozent der Lieferanten folgen den Forderungen der Zugbauer und haben internationale Niederlassungen oder bauen diese derzeit auf. Große Herausforderungen liegen für die Unternehmen vor allem im Projekt- und Kapazitätsmanagement sowie im Supply Chain Management. Hier sieht sich nur rund die Hälfte aller Befragten gut oder sehr gut aufge-stellt. Je weiter man der Lieferkette folgt, umso geringer ist das Know-how: Nur noch 35 Prozent der Lieferanten geben an, dass ihre Zulieferer den steigenden globalen Anforderungen gewachsen sind. „Das offenbart die wohl größte Schwachstelle in der Lieferkette“, sagt Roman Bauer, Partner bei h&z.
Das Dilemma zwischen Individualität und Kostendruck
Bei allen Internationalisierungsbestrebungen bestehen die größten Herausforderungen in der kostengünstigen Realisierung von individuellen Anforderungen. „Um sich im weltweiten Geschäft für Verkehrstechnik zu behaupten, liegen in der Standardisierung und Modulari-sierung die zentralen Stellhebel“, sagt Roman Bauer. Allerdings investieren nur etwa 30 Prozent der befragten Unternehmen stark in diese Felder. Bei vielen stößt die Modulari-sierung nach wie vor an ihre Grenzen. Haupthindernis ist die Variantenvielfalt bei Klein-serien aufgrund individueller Wünsche seitens Zugbauer und Betreiber.
„Aktuell helfen Standardisierung und flexible Baukastensysteme vor allem den steigenden Kostendruck abzufedern“, sagt Roman Bauer von h&z. Das spüren die Unternehmen stark bei der Auftragsvergabe. Hier rücken laut 85 Prozent der Befragten die Kosten des gesamten Lebenszyklus immer stärker in den Fokus. Nicht mehr die Investitionskosten, sondern die Kosten über den gesamten Lebenszyklus entscheiden über die Auftrags-vergabe. Während es die Zugbauer schaffen, ihre Lieferanten in die Pflicht zu nehmen, gelingt das ihren Sublieferanten hingegen kaum noch.
Drohender Know-how-Verlust
Obwohl die Zulieferer mehr schlecht als recht für die fortschreitende Internationalisierung der Branche gerüstet scheinen, sind die Zughersteller immer stärker vom technischen Wissen ihrer Zulieferer abhängig. „Die Hersteller verlagern mehr und mehr Wertschöpfung an ihre Lieferanten“, weiß Roman Bauer. Insgesamt stellen drei Viertel der Befragten eine steigende Abhängigkeit der Hersteller von ihren Lieferanten fest.
„Es läuft noch nicht rund“
Im Zuge der internationalen Vernetzung und der immer vielfältigeren Produktanforderungen wächst die Herausforderung im Projektmanagement. Der Abstimmungsprozess zwischen Betreiber, Zugbauer und Lieferanten sowie deren Sublieferanten ist oft unzureichend. Hinzu kommen wechselnde Spezifikationen der Kunden während der Projektlaufzeit. Dennoch spricht lediglich die Hälfte der Befragten von einer starken Zusammenarbeit, bei der Lieferanten frühzeitig eingebunden werden oder Innovations-Workshops stattfinden. „Die Zulieferindustrie wird aufgrund der sich verändernden Anforderungen bei Kunden und Märkten in den nächsten Jahren zunehmend einem Konsolidierungsdruck ausgesetzt sein“, sagt Markus Contzen, bei h&z verantwortlich für M&A. „Insgesamt lassen sich zwei Trends in der Lieferantenlandschaft erkennen, um den steigenden Anforderungen der Märkte und den Schwächen des Lieferantennetzwerks zu begegnen: Internationalisierung durch eigene Standorte inklusive Aufbau und Qualifizierung lokaler Lieferanten sowie eine fortschreitende Modularisierung und Standardisierung.“

