Hohe Volatilität und sinkende Planbarkeit

Handel und Konsumgüterhersteller bewegen sich in einem wirtschaftlichen Umfeld, das sich immer schneller ändert und ständig komplexer wird: Die Volatilität steigt und die Planbarkeit sinkt drastisch. In einer aktuellen Studie befragte die Unternehmensberatung Inverto Top-Entscheider aus Handel und Konsumgüterindustrie, wie sie sich auf das volatile Umfeld einstellen und ihre Supply Chain darauf ausrichten. Die teilnehmenden Einkaufsleiter und Geschäftsführer nannten großen Handlungsbedarf vor allem bei Rohstoffpreisen, Wettbewerbsdruck auf der Beschaffungs- und Absatzseite sowie rasch wechselnden Kundenanforderungen .

Inverto-Vorstand Frank Wierlemann resümiert: „Entscheider in Handel und Konsum-güterindustrie sehen durchaus, dass sich die Marktbedingungen mit hohem Tempo drehen. Sie haben die entscheidenden Themen identifiziert.“ Doch es gebe eine große Umsetzungslücke. Bereits erkannte Maßnahmen zur Anpassung an den permanenten Wandel würden nur zögerlich eingesetzt. „Die Unternehmen ergreifen das Steuer nicht entschlossen genug, um erfolgreich durch volatile Zeiten zu kommen.“

Für die Studie hatte die auf Einkauf und Supply Chain Management spezialisierte Unternehmensberatung Inverto im Mai und Juni 2012 Entscheider (Einkaufleitung, Geschäftsführung und Category Management) aus Handel und Konsumgüterindustrie befragt. Rund die Hälfte der befragten Unternehmen erwirtschaften einen Umsatz um eine Milliarde Euro oder mehr und gehört damit zu den Branchenführern in ihrem Bereich.

Volatilität der Rohstoffpreise und mehr Wettbewerb in Beschaffung und Absatz
Die Herausforderung Nummer eins für die Befragten ist die Volatilität der Rohstoffpreise. Für 95 Prozent ist dies sehr wichtig oder wichtig. Dabei ist ein deutlicher Unterschied zwischen Handel und Hersteller zu verzeichnen. Während die Industrie das Thema mit 88 Prozent als sehr wichtig einstuft, beurteilen es nur 44 Prozent der Befragten aus dem Handel so.

Zweitwichtigster Trend ist laut der Umfrage ein verschärfter Wettbewerb auf der Beschaffungs- und Absatzseite; 93 Prozent der befragten Entscheider nehmen dies als wichtig oder sogar sehr wichtig wahr. Auch hier gehen die Ergebnisse bei Handel und Industrie auseinander. Für 59 Prozent der Hersteller ist der stärkere Wettbewerb eine sehr wichtige Herausforderung. Hingegen betrachten nur 33 Prozent der Handelsunternehmen die zunehmende Konkurrenz bei Beschaffung und Absatz als sehr wichtig. Sowohl Handel als auch Industrie rechnen mit steigendem Wettbewerb.

Umweltstandards, neue Kundenanforderungen und Knappheit von Rohstoffen
Konsumgüterhersteller und Händler kämpfen noch mit weiteren Themen, die ihr Geschäftsumfeld komplizierter machen. Dabei messen die Unternehmen heute den folgenden Themen große Bedeutung bei: Knappheit von Rohstoffen und Produkten (insgesamt 84 Prozent sehen diesen Trend als wichtig oder sehr wichtig an), stärkere Umweltanforderungen wie Green Procurement, Tierschutz oder die CO2-Bilanz (82 Prozent) sowie die Forderung der Verbraucher nach voller Transparenz hinsichtlich Herkunft und Herstellung von Produkten (80 Prozent) gepaart mit einem höheren Informationsstand der Verbraucher (74 Prozent). Geänderte Kundenanforderungen, wie sie etwa der demo-grafische Wandel mit sich bringt oder eine stärkere Gesundheitsorientierung, sind dagegen nicht so weit oben auf der Agenda der Befragten (69 Prozent).

Mehr Ausschreibungen und aktives Lieferantenmanagement sind nötig
Mit welchen Maßnahmen reagieren nun Händler und Hersteller auf die Anforderungen eines schnell wechselnden Wirtschaftsumfelds? Um die volatilen Rohstoffpreise in den Griff zu bekommen, sehen die Studienteilnehmer die verstärkte Durchführung von Ausschreibungen, die Kooperation mit strategischen Lieferanten sowie den Aufbau von neuen Lieferanten als geeignet an. Aber auch die Erweiterung des geografischen Beschaffungsmarktes zählt dazu. Obwohl die Unternehmen die geeigneten Werkzeuge kennen, setzen sie identifizierte Maßnahmen nicht konsequent um.

Beispiel Ausschreibungen
Alle befragten Handelsunternehmen sehen verstärkte Ausschreibungen als geeignet, um den Wettbewerb zu erhöhen, aber nur 39 Prozent setzen dies nach eigenen Angaben auch gut um. Nach Erfahrung der Inverto-Berater ist das typisch: „Wir erleben in Projekten oft, dass ein standardisierter Ausschreibungsprozess auf Basis einer qualifizierten Lieferantenrecherche nur unzureichend durchgeführt wird“, so Marcus Schwarz, Leiter des Competence Centers Retail bei Inverto.

Die Umsetzunglücke klafft auch an anderen Stellen: Die Kooperation mit strategischen Lieferanten wird ebenso als geeignete Maßnahme im Umgang mit volatilen Rohstoff-preisen gesehen. Während jedoch der Handel laut der Umfrage die Kooperationen bereits relativ gut umsetzt, besteht hier vor allem bei den Herstellern noch erheblicher Handlungs-bedarf. Beim Aufbau von neuen Lieferantenbeziehungen driften Anspruch und Wirklichkeit ebenfalls auseinander. Zwar setzen 65 Prozent der befragten Konsumgüterhersteller diese Maßnahme bereits gut um, doch im Handel sind noch erhebliche Defizite zu verzeichnen (33 Prozent). Die meisten Handelsunternehmen suchen erst nach alternativen Lieferanten, wenn bereits erste Versorgungsengpässe aufgetreten sind. Den geografischen Beschaffungsmarkt erweitern ebenfalls nur unzureichend viele Händler und Hersteller, so ein weiteres Ergebnis. Oft gehen Unternehmen das Thema aufgrund der Sicherheit und Bequemlichkeit durch langfristige Zusammenarbeit mit Lieferanten nicht an.

„Wir gehen deshalb in Projekten den Weg über qualifizierte sowie nachvollziehbare Lieferantenrecherchen und Audits“, erläutert Felix Jerschabek, Leiter des Competence Centers Konsumgüter (FMCG) bei Inverto.

Mitarbeiter qualifizieren, Supply Chain optimieren und Controlling stärken
Einen geeigneten Ansatz, um dem steigenden Wettbewerbsdruck Stand zu halten, sehen Unternehmen in qualifizierten Mitarbeitern. Auch wenn sie dies bereits erkannt haben, sagen nur 29 Prozent der Hersteller und sogar nur 22 Prozent der Händler, dass sie dies auch erfolgreich umsetzen. Eine weitere Maßnahme im verschärften Wettbewerb ist für die befragten Unternehmen, die Supply Chain zu analysieren und zu optimieren. Doch lediglich 22 Prozent der Händler und 18 Prozent der Hersteller sagen von sich, dass sie diese Maßnahme gut umsetzen. Die dritte Maßnahme gegen Wettbewerbsdruck sehen die Studienteilnehmer in der Intensivierung des Einkaufscontrollings etwa durch bessere Kennzahlen. Dies setzen nur 17 Prozent der Händler und 25 Prozent der Hersteller um.

Kundenanforderungen ändern sich – aber die Unternehmen zögern
Zunehmenden Schwankungen sind auch Anforderungen von Kunden unterworfen, auf die sich Konsumgüterhersteller und Handel frühzeitig einstellen müssen. So verändert der demografische Wandel und eine stärkere Gesundheitsorientierung die Struktur der Endkunden. Die Einführung von Packungsgrößen für Senioren- oder Singlehaushalte betrachten etwa 66 Prozent der befragten Händler und Hersteller als geeignete Maßnahme. Doch erneut zeigt sich die Umsetzungslücke: Nur rund ein Fünftel der Unternehmen setzt dies in der Praxis bereits um.

Auch mit Produktinnovationen werden bislang noch nicht alle befragten Unternehmen den geänderten Kundenanforderungen gerecht. 78 Prozent der Händler und 59 Prozent der Hersteller halten den Launch von neuen vegetarischen, lactosefreien oder glutenfreien Produkten bzw. den Relaunch von bestehenden Produkten für eine geeignete Maßnahme. Nur rund ein Viertel der befragten Händler und Konsumgüterhersteller hat diese
Produktinnovationen bereits eingesetzt.

‚Grünen Einkauf‘ mit Lieferantenaudits sichern
88 Prozent der Hersteller und 50 Prozent der befragten Händler erwarten für die Zukunft weiter steigende Umweltanforderungen, zum Beispiel beim Green Procurement, Tierschutz oder CO2-Bilanz. Als geeignete Maßnahme zur Umsetzung nennen die Teilnehmer fast alle Lieferantenaudits, um die Einhaltung von Umweltvorgaben zu prüfen.

Fazit: Potenziale liegen brach
Die befragten Konsumgüterhersteller und Händler sehen sich mit wachsenden Schwankungen in verschiedenen Bereichen des wirtschaftlichen Umfelds konfrontiert. Sie benennen klar die aktuellen und künftigen Herausforderungen sowie geeignete Werkzeuge, um die Volatilität zu beherrschen. Allerdings fördert die Umfrage erhebliche Umsetzungslücken zutage. Für Inverto-Vorstand Wierlemann überraschen besonders die Ergebnisse für den Handel: „Vor allem der Einkauf bei Handelsunternehmen gilt oft als vorbildlich. Umso erstaunlicher, dass gerade der Handel hier viele Defizite bei der Umsetzung von Maßnahmen zeigt, zum Beispiel beim Aufgreifen neuer Kundenbe-dürfnisse.“ Jetzt gehe es darum, die ‚Hausausgaben‘ zu erledigen – etwa in der Einkaufsorganisation -, um flexibler zu werden.

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