Lieferantenmanagement in der digitalen Welt

Im Zuge der Digitalisierung wird das Lieferantenmanagement immer mehr zu einem strategischen Instrument, mit dem sich echte Wettbewerbsvorteile erzielen lassen. Als Bestandteil von unternehmerischen „Fit-for-Future“-Strategien nimmt es damit – endlich – eine strategische Pole Position ein.

In der Vergangenheit standen Lieferanten meist nicht im Fokus, wenn es um Unternehmensziele und -strategien ging. Das Lieferantenmanagement fand bereits in den 70er und 80er Jahren Eingang in die Agenda der meisten produzierenden Unternehmen. Allerdings beschränkte sich die ursprüngliche Idee des Lieferantenmanagements darauf, das Onboarding neuer Lieferanten zu strukturieren und ihre Leistung adäquat zu messen. Jüngste Entwicklungen zeigen jedoch, dass sich der Fokus im Lieferantenmanagement verschiebt hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung des Lieferanten-Lebenszyklus, vom Onboarding über Lieferanten-Segmentierung, -Evaluierung und -Entwicklung bis hin zum Beenden einer Lieferantenbeziehung.

Was passiert aktuell im Lieferantenmanagement?
Zahlreiche Faktoren wie die fortschreitende Globalisierung, die zunehmende Komplexität der Lieferketten, der anhaltende Trend zur Digitalisierung und Anwendung neuer Technologien wie Blockchain, künstliche Intelligenz (KI) oder Cloud-Lösungen führen dazu, dass Unternehmen mit einer wachsenden Anzahl an Lieferanten arbeiten. Die Supply Chains von heute entwickeln sich dabei zum Großteil weg von individuellen linearen Verbindungen hin zu vernetzten Ökosystemen von Unternehmen. Da zudem agile Newcomer und Startups bereits bestehende Lieferanten verdrängen und sich die Unternehmenslandschaft durch zunehmende M&A-Aktivitäten immer schneller verändert, werden die typischen Lebenszyklen von Lieferanten zusehends kürzer und es gilt, die wachsende Anzahl der Lieferantendaten entsprechend zu verwalten. Für Unternehmen ist es erfolgsentscheidend sich dieser Veränderung und der damit verbundenen wachsenden Datenmengen bewusst zu sein und entsprechend zu agieren. Das konsequente Nutzen von digitalen Plattformen ist eine sinnvolle Strategie, um die zunehmende Komplexität zu reduzieren.

Neben dem Komplexitätsaspekt steigen auch die Risiken in der Lieferkette aufgrund des zunehmenden Einsatzes von Global-Sourcing-Strategien. Damit erhöht sich für Unternehmen die Gefahr von Leistungsausfällen, falls Lieferanten nicht effektiv gesteuert und beurteilt werden. Lieferantennetzwerke werden immer komplexer und die Überwachung der Performance und des Risikos der Lieferanten zunehmend bedeutsamer. In diesem Zuge ist es wichtig, einen unternehmensweiten harmonisierten Lieferantenmanagement-Prozess zu etablieren, der die Unternehmen bei der Steuerung des gesamten Lebenszyklus der Lieferanten unterstützt. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, die Vorteile digitaler Lösungen zu nutzen und ein Lieferantenmanagementsystem einzuführen, dass das Potenzial hat, die Transparenz der Lieferantendaten zu steigern. Dies ermöglicht es, die Leistung von Lieferanten zu beurteilen und darüber hinaus Bereiche zu identifizieren, in denen sie von zusätzlicher Unterstützung profitieren können. Sich rapide entwickelnde Technologien wie Machine Learning, künstliche Intelligenz (KI) und Cloud-Lösungen bieten Unterstützung für operative Aufgaben des Lieferantenmanagements. Der Einsatz von Machine Learning oder KI erlaubt es beispielsweise, Informationen und Daten zu filtern, die richtigen Informationen zu extrahieren und den Lieferantenmanagement-Prozess sowie das Performance Management signifikant stärker zu automatisieren.

KI-basierte Lösungen können beispielsweise ein inhaltliches Screening von sozialen Medien und öffentlichen Informationskanälen durchführen, welches wesentlich bei der Generierung von Echtzeit-Daten unterstützt. Hierbei kann auch die Anbindung von externen Anbietern an das Lieferantenmanagementsystem helfen, indem Daten direkt in das bestehende System gespielt werden. Ein besseres Verständnis des Lieferantennetzwerkes und eine höhere Transparenz der Daten bezüglich Lieferanten-Performance sind das Resultat. Dies wiederum unterstützt Unternehmen unter anderem dabei, eine proaktives Performance Management zu implementieren. Darüber hinaus kann auch das Risikomanagement von Echtzeit-Daten profitieren, um direkte Informationen zu Vorfällen am Standort des Lieferanten zu erhalten oder Risiken auf Basis von Performance-Ergebnissen zu identifizieren. Gegenmaßnahmen lassen sich so viel schneller einleiten. Mehr Flexibilität und die Automatisierung von operativen Aufgaben ermöglichen es Unternehmen wiederum, sich zunehmend auf strategische Aufgaben zu konzentrieren.

Langfristige Zusammenarbeit oder stetig wechselnde Lieferanten?
Der Trend zur Digitalisierung ermöglicht einen stärkeren unternehmensinternen und externen Informationsfluss und damit auch eine höhere Transparenz innerhalb des Lieferantennetzwerks. Dies eröffnet Möglichkeiten zur vereinfachten Identifikation und Auswahl neuer Lieferanten, was für Unternehmen wiederum heißt, dass sich bestehende Lieferanten leichter ersetzen lassen. Bedeutet das, dass langfristige Beziehungen zu Lieferanten nicht mehr zwingend notwendig sind? Ist es das Ziel, Lieferanten leicht ersetzen zu können, oder bietet eine enge langfristige Zusammenarbeit für ein Unternehmen weiterhin einen Mehrwert?

Wir sind der Ansicht, dass Zusammenarbeit und gemeinsame Innovation der Schlüssel zum Erfolg im Einkauf sind. Der Aufbau einer langfristigen Beziehung schafft Synergien, die auf lange Sicht gesehen die Performance maximieren und dabei helfen können, Leistungsschwankungen zu verhindern. Eine langfristige, auf Vertrauen gründende Zusammenarbeit mit Lieferanten eröffnet die Chance auf eine weitere Differenzierung am Markt, die über den reinen Kostenaspekt hinaus geht. Co-Innovation, die durch die enge Zusammenarbeit mit einem Lieferanten getrieben wird, kann einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil bringen und ermöglicht es dem Einkauf, die Unternehmensstrategie nicht nur durch eine Optimierung der Einkaufspreise zu unterstützen.

Trotz der Auswirkungen der Digitalisierung und der transformativen Veränderungen, die gegenwärtig im Lieferantenmanagement stattfinden, sind die menschliche Komponente und eine vertrauensbasierte Beziehung für den Lebenszyklus eines Lieferanten weiterhin ausschlaggebend. Blockchain, KI oder Machine Learning werden den täglichen Ablauf vereinfachen und es ermöglichen, sich auf strategische Themen zu konzentrieren, die dem Unternehmen einen Mehrwert generieren. Dazu zählen eine starke Zusammenarbeit und gemeinsame Innovation mit ausgewählten Lieferanten.

von Ferhat Eryurt, Partner, CAMELOT Management Consultants und Wolf Göhler, Head of Procurement Transformation, CAMELOT Management Consultants

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