Lieferketten und das Problem der Compliance


Die Lieferketten von Unternehmen werden immer komplexer und umfassen weltweit unterschiedliche Länder. Dies führt zu neuartigen Haftungsrisiken und erschwert die Compliance. Globalisierung und Digitalisierung bewirken, dass Lieferketten heutzutage fragmentierter sind und die Zulieferer auch aus Regionen kommen, in denen es weder eine mit europäischen Standards vergleichbare Administration noch die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen gibt. Dies gilt besonders für Unternehmen in der Industrieproduktion, die traditionell eine Vielzahl an Zulieferern von Material, Bauteilen und Vorprodukten haben. So können Verstöße gegen Auflagen, Gesetze oder internationale Verträge die Reputation eines Unternehmens auf Jahre hinaus schädigen, mit Folgen wie Umsatz- und Gewinnrückgängen oder starken Einbrüchen auf dem Aktienmarkt.

Die Lieferkette in den Blick nehmen
Dadurch entstehen im geschäftlichen Kontakt mit Zulieferern und Abnehmern vielfältige Haftungsrisiken. Zudem müssen die Gesetze unterschiedlicher Staaten und Regionen eingehalten werden. Dies kann im Einzelfall schwer fallen, da Unternehmen hierfür Anforderungen und Standards auf einen gemeinsamen Nenner bringen müssen.

Darüber hinaus üben zahlreiche Nichtregierungsorganisationen Druck aus. Im europäischen Binnenmarkt sind Unternehmen deshalb dazu übergegangen, die Einhaltung bestimmter Regeln von allen Zulieferern und Weiterverarbeitern zu fordern – ohne Zustimmung zum Compliance-Kodex kein Geschäft. Um die Compliance-Risiken zu senken, ist es von zentraler Bedeutung, genau zu wissen, wer die Lieferanten sind und wo sie sich befinden.

Hierbei müssen Unternehmen auch die Zulieferer der Zulieferer in den Blick nehmen. Denn Transparenz in der Lieferkette ist wirkungslos, wenn sie nicht über die erste Stufe hinausgeht. Doch es ist leichter gesagt als getan, die vielen tausend Lieferanten zu erreichen, die ein Unternehmen unterstützen. Viele Unternehmen nehmen deshalb technologische Lösungen in den Blick, die potentielle Risiken leichter identifizieren können.

Datenbanken und Plattformen für mehr Transparenz
Datenbanksysteme helfen, komplexe Lieferketten zu verwalten. Die Hersteller sollten einen genauen Überblick darüber haben, welche Rohstoffe, Bauteile und Vorprodukte an den einzelnen Standorten genutzt werden. Darüber hinaus müssen sie genau wissen, welche Compliance-Dokumentation oder Verzichtserklärung für jede einzelne Komponente gefordert wird.

Cloud-Plattformen bieten eine einfache, überschaubare Datenschnittstelle. Ihre Berichtsfunktion erlaubt den Zugriff auf Daten aus unterschiedlichen Quellen, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen und Unternehmensanalysen zu unterstützen.

Performance-Management-Plattformen ermöglichen es den Lieferanten, sich selbst zu registrieren und ihre Daten dort einzuspeisen. In langen Lieferketten können selbst einfache Aufgaben wie die Informationsbeschaffung zu einer Mammutoperation werden. Durch die Automatisierung dieses Prozesses kann die zeitaufwändige Verwaltung etwa bei der Umsetzung von Code-of-Conduct-Befragungen reduziert werden.

Moderne IT-Technologien erleichtern Compliance
Kollaboration und Kommunikation mit entsprechenden Online-Lösungen ist nicht nur unternehmensintern hilfreich. Viele Hersteller nutzen solche Lösungen bereits für ihre eigenen Fachbereiche und Niederlassungen. Sie können sie deshalb sehr leicht auf die Lieferkette ausweiten und damit auf die Kommunikation mit Lieferanten.

Das Internet of Things (IoT) erlaubt Hardware-Lösungen, die das Tracking von Transportbehältern aller Art oder ganzen Werkstücken ermöglichen. Wenn sie als vollständige Ende-zu-Ende-Lösung vom Rohstoff bis zum Endprodukt implementiert werden, können sie beweiskräftige Daten für die Einhaltung der Compliance liefern.

Durch diese unterschiedlichen Ansätze mit Software und Hardware zeigt sich: Der wirksame Einsatz moderner Technologie bietet Unternehmen einen rationalisierten, zentralisierten und gangbaren Weg, um Daten zu sammeln, Informationsflüsse einzurichten, Risiken zu bewerten, Compliance durchzusetzen und die Leistung von Zulieferern zu überwachen.

von Ingo M. Rübenach, VP Central, East and South Europe Region bei UL

Bild: Fragmentierte Lieferketten und das Problem der Compliance, Foto: UL International Germany GmbH

One Comment

  1. Die Herstellung, die Zwischenlagerung und der Transport von allem, was andere Menschen irgendwo brauchen, alles das erfordert eine nahezu ständig verfügbare Energiebereitstellung an unterschiedlichsten Orten. Was nützen Lieferketten, wenn mit Energieunterbrechungen gerechnet werden muss und damit die Zeitbedingungen für das Durchlaufen der Lieferketten nicht den Erwartungen entsprechen können (oder gar Lieferketten abreißen)? Was nützen Daten in einer Cloud-Lösung, wenn erforderliche Daten nicht abgerufen und/oder nicht gespeichert werden können (z.B. wegen Stromausfall oder Kommunikationsausfall). Was nützen solche Lösungen, wenn Daten verfälscht, zerstört oder gänzlich vernichtet werden können? Was ist die Folge, wenn diese Daten ausgespäht werden können? Jedwede Massierung von Daten erhöht das Risiko eines fremden Zugriffs. Auch der Zeitbedarf für den Datentransport ist zu beachten. Muss nicht deshalb die Risikovorsorge über das Thema Haftung hinaus und deutlich breiter betrachtet werden? Besonders in Deutschland wird aufgrund der noch sehr hohen Verfügbarkeit bei der Stromversorgung wie selbstverständlich angenommen, dass ein Stromausfall so gut wie nie vorkommt. Was, wenn er doch vorkommt – siehe z. B. den Stromausfall im Berliner Stadtteil Köpenick? Das gleiche gilt für den Ausfall der Kommunikation. Wie weit nützen redundante Lösungen und sind diese auch unabhängig voneinander (also diversitär)? Sind künftig wieder vermehrt Zwischenlagerungen erforderlich bzw. „lohnend“? Spielen Regionalität und Entfernung wieder eine größere Rolle?

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