Digitales Beschaffungsmanagement

In Folge von Globalisierung und verkürzten Produktlebenszyklen in den Hauptabsatzindustrien werden Werkzeugbaubetriebe mit steigendem Preis- und Zeitdruck konfrontiert. Insbesondere durch Produktderivatisierung steht die Werkzeugbaubranche steigender Produkt- und Prozesskomplexität und individuellen Kundenanforderungen gegenüber. Weiterhin steht die Branche Werkzeugbau durch die wachsenden Marktanteile von Unternehmen aus asiatischen Niedriglohnländern unter steigendem Preisdruck. Um den äußeren Einflüssen entgegenzuwirken, fokussieren sich Werkzeugbaubetriebe über die letzten Jahre hinweg kontinuierlich auf ihre Kernkompetenzen und senken so ihre Wertschöpfungstiefe.

Aktuell haben Werkzeugbaubetriebe im deutschsprachigen Raum im Durchschnitt eine Wertschöpfungstiefe von 68 %. 2016 lag die durchschnittliche Wertschöpfung in Deutschland noch bei 73 %. Diese Kennzahl zeigt die Bedeutung des Lieferantenmanagements für die Branche Werkzeugbau. Durch die im Werkzeugbau charakteristischen geringen Losgrößen und damit einhergehenden geringen Bestellmengen und Einkaufsbudgets ist das Lieferantenmanagement in der Branche Werkzeugbau eine Herausforderung. Zudem gilt es nicht nur den Einkauf des Werkzeugbaus, sondern auch das Sourcing von Werkzeugen für Einkäufer zu systematisieren. Für Einkäufer und Werkzeugbaubetriebe müssen Lieferanten mit hoher technologischer Kompetenz und effizienten Prozessen systematisch identifiziert, weiterentwickelt und in interne Abläufe integriert werden.

Die WBA Aachener Werkzeugbau Akademie hat unter diesen Gesichtspunkten zwei Softwarelösungen zur Optimierung und digitalen Unterstützung des Lieferantenmanagements entwickelt. Zum einen wurde ein Marktintelligenz-Demonstrator geschaffen, mit dem Einkäufer der Hauptabsatzindustrien befähigt werden, Werkzeugbaubetriebe zu identifizieren und vor dem Hintergrund des lokalen Marktes bewerten zu können. Außerdem wurde eine Lieferantenplattform entwickelt, mit der Werkzeugbaubetriebe wiederum ihre Zulieferer identifizieren und verwalten können, aber auch automatisiert Bestellungen aufgeben können um einen operativen Nutzen zu erzeugen.

Eine zentrale Methode für eine effektive und effiziente Identifizierung von Werkzeuglieferanten ist der Aufbau von Marktintelligenz, die ein Marktumfeld beschreibt. Durch ein detailliertes, fachspezifisches Wissen über den Markt eines Landes, das Verständnis der kulturellen Gegebenheiten sowie bekannte Ansprechpartner im Markt können spannende Einblicke gewährt und Werkzeuglieferanten ressourcenschonend identifiziert werden. Die WBA Aachener Werkzeugbau Akademie besitzt aufgrund ihrer jahrelangen und weltweiten Erfahrungen mit der Branche Werkzeugbau ein einzigartiges Marktwissen über die weltweiten Werkzeugbaumärkte. Dieses Wissen wurden in einer Neuauflage der Studie World of Tooling 2018 gebündelt und in einer zentralen Darstellung, dem Marktintelligenz-Demonstrator, aggregiert.

Dieser stellt marktspezifische Charakteristika eines Landes, wie z. B. Import- und Exportvolumen oder Produktionsmengen zur Verfügung und gibt Einblicke in aktuelle Markttrends. Auf Grundlage von rund 8.000 Datensätzen von Werkzeugbaubetrieben sind Unternehmen eines spezifischen Landes hinterlegt und können standortspezifisch abgerufen werden. Durch die umfangreichen Filtermöglichkeiten wird der Nutzer befähigt, Einblicke lokale und globale Märkte zu erlangen und effektiv Werkzeuge zu beschaffen.

Auch für Werkzeugbaubetriebe ist die Auswahl neuer Partner, bspw. zur Beschaffung von Normalien, aber auch die Fremdvergabe aus strategischen Gründen, zeit- und kostenintensiv und birgt Risiken bzgl. Liefertermintreue und Qualität. Dies wird durch eine in der Regel unbekannte Auslastung und Arbeitsweise der potenziellen Partner bedingt. Die Zielsetzung des Lieferantenmanagements im Kontext des Werkzeugbaus beinhaltet nicht nur einkaufsbezogene Ziele, wie zum Beispiel geringe Einkaufskosten, sondern vielmehr einen direkten Nutzen für die Auftragsabwicklung. Die übergeordneten Ziele des Lieferantenmanagements im Werkzeugbau sind mithin Durchlaufzeitenverkürzung, Flexibilitätssteigerung und Kostensenkung.

Operative Bestellprozesse können vor dem Hintergrund der Industrie 4.0 und der implizierten ganzheitlichen digitalen Vernetzung eines Unternehmensumfelds systematisiert werden. Hierzu ist ein strukturierter Vernetzungs- und Kommunikationskanal notwendig, welcher idealerweise durch digitale Hilfsmittel unterstützt wird. Dazu hat die WBA Aachener Werkzeugbau Akademie einen Prototyp einer Lieferantenplattform für die Branche Werkzeugbau entwickelt. Der Prototyp dient der automatischen Bestellung von Komponenten. In einem ersten Schritt erfolgt eine automatische Bewertung und Klassifizierung von Komponenten aus bereitgestellten Stücklisten hinsichtlich technologischer Anforderungen. Darüber hinaus ist es möglich, eine STEP Datei einzuladen und durch die verfügbaren Metadaten fertigungstechnologische Bedarfe zu ermitteln. Eine manuelle Eingabe von Bauteilparametern ist ebenfalls möglich. Im nächsten Schritt werden die Anforderungen mit den Profilen von auf der Lieferantenplattform registrierten Lieferanten abgeglichen. Dies erfolgt anhand eines Vergleichs der gegebenen und notwendigen Maschinenausstattung und des Leistungsspektrums des Lieferanten. Zudem wird eine automatisierte Vorbewertung ausgehend von historischen Lieferdaten zu Qualität, Kosten und Lieferzeit durchgeführt. Abschließend erfolgt der operative Anfrage- und Bestellvorgang bei dem ausgewählten Zulieferer. Dieser wird aktuell manuell durchgeführt, kann aber zukünftig in großen Teilen automatisiert werden.

Die Lieferantenplattform birgt mithin Automatisierungspotenziale für die Kommunikation im Bestellprozess und hat somit einen direkten Nutzen für operative Aufwände im Einkauf (frühe Fremdvergabe) und in der Arbeitsvorbereitung (späte Fremdvergabe) des Werkzeugbaus. Durch die Einbeziehung bewerteter historischer Daten, verfügbarer Ausstattung und aktueller Auslastung können neben signifikanten Zeitersparnissen auch Qualitätsverbesserungen erreicht werden.

Insgesamt kann sowohl durch den Marktintelligenz-Demonstrator als auch durch die Lieferantenplattform die aktuelle Entwicklung hin zur digitalen Vernetzung mit Lieferanten veranschaulicht werden. Der aktuell hohe Bedarf nach systematischer Lieferantenidentifizierung und Bestellabwicklung kann durch die Nutzung der vorgestellten Plattformen vereinfacht werden. Zudem werden die Plattformen, insbesondere mit Hinblick auf die Implikationen von Industrie 4.0 kontinuierlich weiterentwickelt. Die Plattformen können in der „Erlebniswelt Werkzeugbau“ der WBA Aachener Werkzeugbau Akademie besichtigt und getestet werden.

von Prof. Dr. Wolfgang Boos, Christoph Kelzenberg, Johan de Lange und Tim Ochel

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