Global Sourcing im Werkzeugbau


Neben dem Management bestehender Lieferanten stellt die Identifizierung neuer Lieferanten im nationalen wie auch internationalen Umfeld eine zentrale Herausforderung für Unter-nehmen der produzierenden Industrie dar. Ein zentraler Befähiger für eine effektive und effiziente Identifizierung von Lieferanten ist die Marktintelligenz, die durch ein detailliertes, fachspezifisches Wissen über den Markt eines Landes, das Verständnis der kulturellen Gegebenheiten sowie bekannte Ansprechpartner im Markt beschrieben wird. Nur wenn die Charakteristika und Rahmenbedingungen eines Marktes bekannt sind, kann sichergestellt werden, dass anforderungsgerechte Lieferanten gefunden werden und die Leistungsfähigkeit der eigenen Produktion aufrecht gehalten wird.

Eine Branche, die im Zusammenhang mit Sourcingaktivitäten produzierender Unternehmen in besonderem Fokus steht, ist der Werkzeugbau. Nahezu in jeder Branche benötigen Unternehmen zur Herstellung ihrer Produkte Werkzeuge. Durch die Position des Werkzeug-baus als Schnittstelle zwischen Produktentwicklung und Serienproduktion resultiert eine besondere Bedeutung für die produzierende Industrie. Der Werkzeugbau kann sowohl auf die Produktinnovationen, als auch auf die Time-to-market des Produkts sowie die Effizienz des Produktionsprozesses wesentlichen Einfluss nehmen. Umso wichtiger ist die erfolgreiche Identifizierung leistungsfähiger Werkzeuglieferanten. Die steigende Produktvariantenvielfalt führt zusammen mit der Verkürzung der Produktlebenszyklen zu einem insgesamt ansteigenden Werkzeugbedarf. Bei vielfach gleichbleibendem Werkzeugbudget sehen sich die Einkaufsabteilungen mit den Herausforderungen einer effektiven und effizienten Werkzeugbeschaffung konfrontiert.

Die WBA Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH besitzt aufgrund ihrer jahrelangen und weltweiten Erfahrung mit der Branche Werkzeugbau ein einzigartiges Marktwissen über die weltweiten Werkzeugbaumärkte. Dieses Wissen und die Erfahrung wurden 2015 erstmals im Rahmen der Studie World of Tooling gebündelt und in einer zentralen Darstellung, dem World of Tooling Radar, aggregiert. In Kürze (Ende Mai 2018) wird mit der zweiten Auflage eine aktualisierte Version der Studie veröffentlicht. Das World of Tooling Radar ordnet die 21 bedeutendsten Werkzeugbau-märkte der Welt entsprechend ihrer Kompetenz, Marktgröße und ihrem Entwicklungspotenzial ein. Dabei wurde auf zahlreiche quantitative wie auch qualitative Kennzahlen zurückgegriffen.

Zentrales Element dafür ist die Werkzeugbaudatenbank, die die WBA gemeinsam mit dem Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen und dem Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aufgebaut hat. In dieser sind die Datensätze von über 1.000 deutschen sowie Bewertungen von über 2.000 internationalen Werkzeugbaubetrieben enthalten, die nicht älter als 5 Jahre sind. Außerdem wurden die Eindrücke der zahlreichen internationalen Bereisungen, die die WBA jedes Jahr für Industrie- und Forschungsprojekte durchführt, hinzugezogen. Schlussendlich wurden verschiedenste freiverfügbare volkswirt-schaftliche Kennzahlen ausgewertet und Interviews mit Experten aus der Industrie geführt, die weitere eingehende Erfahrungen über die internationalen Werkzeugbaumärkte einbringen. Zudem enthält die Studie für jeden betrachteten Markt einen Steckbrief, der den Markt in den Kategorien „Das Land und die Menschen“, „Die Wirtschaft und die Industrie“ sowie „Der Werkzeugbau und die Werkzeuge“ detailliert erläutert. Auf diese Weise gibt die Studie World of Tooling den produzierenden Unternehmen ein Hilfsmittel an die Hand, das sie bei einem systematischen Einstieg in die Identifizierung von Werkzeuglieferanten unterstützt.

Die Abbildung zeigt das in 2018 aktualisierte World of Tooling Radar. Die verschiedenen Märkte lassen sich in vier Gruppen kategorisieren, die bezogen auf die darin enthaltenen Einzelmärkte vergleichbare Charakteristika aufweisen. Die Gruppen werden, abgeleitet aus den damit verbundenen Assoziationen, mit den Namen „Allstars“, „Established“, „Rookies“ und „Rising Stars“ bezeichnet.

Basierend auf der Einordnung der vier Gruppen hinsichtlich Kompetenz und Marktgröße eig-nen sich die darin enthaltenen Länder aktuell für die Beschaffung hochkomplexer oder nur einfacher Werkzeuge sowie für die Vergabe großvolumiger Werkzeugpakete oder lediglich kleiner Umfänge. Das Entwicklungspotenzial wird sowohl durch die Existenz von Unternehmen mit großem Werkzeugbedarf als auch durch staatliche Unterstützungen sowie die generelle konjunkturelle Lage der Länder bestimmt.

Der chinesische Werkzeugbaumarkt ist beispielsweise der größte der Welt. So wurden 2016 Spritzgießwerkzeuge im Wert von 3,3 Mrd. $ exportiert, davon Werkzeuge im Wert von 222 Mio. $ nach Deutschland. Für den Export von Blech- und Massivumformwerkzeugen ist China mit einem Volumen von 740 Mio. $ der viertgrößte Markt der Welt. Sehr gute Werkzeugbau-betriebe sind in ihrer Werkzeugqualität bereits durchaus mit deutschen Unternehmen vergleichbar und weisen dabei eine um bis zu 40 % reduzierte Durchlaufzeit bei gleicher Termintreue von durchschnittlich 75 % anteilig an Aufträgen auf. Jedoch ist der Markt gleich-zeitig durch eine sehr hohe Inhomogenität gekennzeichnet, was die Identifizierung qualitativ hochwertiger Lieferanten schwierig gestaltet. Besonders in den wissensintensiven Bereichen, wie Engineering und Montage, sind aktuell noch deutliche Unterschiede zu deutschen Werkzeugbaubetrieben zu sehen.

Aufgrund der sehr hohen quantitativen Ressourcenausstattung (bspw. ca. 360 % höhere Try-out Kapazitäten im Spritzgussbereich als deutsche Unternehmen) und dem großen Binnenmarkt wird in Zukunft eine kontinuierliche Erweiterung der Werkzeugbaukompetenz bei gleichzeitiger Homogenisierung des Marktes erwartet. Jedoch steigt auch in China langsam der Kostendruck auf die Werkzeugbaubetriebe und die zunehmende Schwierigkeit, qualifiziertes Personal zu finden, bremst das Wachstum zusätzlich. Weitere Kennzahlen zum chinesischen Werkzeugbaumarkt sowie zu den zwanzig übrigen Werkzeugbaumärkten finden Sie auf www.werkzeugbau-akademie.de.

Das Wissen über weltweite Werkzeugbaumärkte nutzt die WBA regelmäßig zur Unterstützung der Unternehmen der produzierenden Industrie. Die weltweite Identifizierung und Auditierung von Werkzeuglieferanten, sowohl innerhalb eines Projektkonsortiums als auch in bilateralen Projekten, stellt eine der Kernkompetenzen der WBA dar. Dabei werden Unternehmen in organisatorischen und technologischen Dimensionen, wie bspw. Wertschöpfungs-geschwindigkeit und Mitarbeiterqualifizierung sowie Oberflächengüte und Werkstoffhärte der Werkzeuge, bewertet. Detailliertere Einblicke in das vorhandene Marktwissen bieten die spezifischen Länderstudien, in denen sich die WBA intensiv mit den Märkten Türkei, China, Südafrika aber auch dem heimischen Markt Deutschland, beschäftigt. Diese stehen ebenfalls kostenlos zum Download bereit.

von Prof. Dr. Wolfgang Boos, Christoph Kelzenberg, Jan Wiese, Tim Graberg

Abb: World of Tooling Radar der weltweit bedeutendsten Werkzeugbaumärkte; Quelle: WBA Aachener Werkzeugbau Akademie GmbH

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